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awogfli

Posted on 1.11.2023

Ich muss mal wieder eine Notiz an mich selbst schicken, nämlich folgende: Nimm bitte endlich die Buchtitel ernst und wortwörtlich, sonst produzierst Du Erwartungen, die nicht erfüllt werden. In diesem Fall geht es um patriarchale Belastungsstörung und ich dachte, das wäre ein rein feministisches Buch, das eben ein bisschen reißerisch überdramatisiert, dass das ganze Patriachat eine einzige Belastung für Frauen ist. Aber weit gefehlt, es geht tatsächlich um Belastungsstörungen im eigentlichen psychologischen und psychiatrischen Sinn, also um die psychische Gesundheit von Frauen. Nachdem ich die Überraschung, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, überwunden hatte und darüber hinweggekommen bin, fand ich den Zugang und die Aufarbeitung des Themas sehr interessant. Irgendwie hatte ich dieses Buch von 2022 verlegt, es lag irrtümlich nicht im unbedingt-lesen-Stapel der Rezensionsexemplare, die ich bestellt hatte, sondern bei den klassischen Büchern in meinem SUB, die einfach Zeit haben. Als mir in den letzten Wochen die Autorin @fraufrasl auf Twitter (Folgeempfehlung) so angenehm auffiel, weil sie so kluge Analysen zum Israelkonflikt raushaute, fiel mir wieder ein, dass ihr Buch ja auch noch irgendwo sein müsste und ich machte mich auf die Suche. Zu Beginn der Ausführungen geht es sehr zentriert um das Gesundheitssystem in Österreich und die zur Verfügung stehenden Ressourcen für psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe. Hier ist einiges im Argen im Staate Österreich, sogar Deutschland bekommt diese Versorgung besser hin. Anschließend wird sehr ausführlich und leider auch ganz schön redundant mehrmals angesprochen, dass nur ökonomische Ungleichheit und nicht der absolut fehlende Wohlstand psychische Erkrankungen verursacht. Abgesehen davon, dass dies eben zu breit ausgewalzt wird, stelle ich mir auch die Frage, was die Untersuchung, auf die sich diese Hypothese stützt, als Gegenstand wirklich beleuchtet hat. Man hatte den absoluten Wohlstand, die Wohlstands-Unterschiede und die Angstzustände von Kindern in den 50er Jahren und in den 80er Jahren in Amerika untersucht. Obwohl es den Leuten ökonomisch wesentlich besser ging, explodierten die psychischen Erkrankungen in den 80ern. Meiner Meinung nach wurde hier eine wichtige Variable beim Studiendesign vergessen, wodurch es zu einer Scheinkorrelation gekommen ist. Denn in den 80ern waren zwar die ökonomischen Bedingungen besser als in den 50ern, aber die politischen Verhältnisse so instabil, dass einem durch den Kalten Krieg und das Wettrüsten mit Atomwaffen die Welt jeden Tag um die Ohren fliegen konnte. Diese reale Bedrohung verursachte damals so ein waberndes Hintergrundbedrohungsszenario, das definitiv nicht fördernd für die psychische Gesundheit war. Alle Jugendlichen meiner Generation, waren sich sicher, nicht alt zu werden. Ex Post betrachtet, waren unsere Ängste überhaupt keine Paranoia, denn die Welt stand mehrmals am Abgrund nur ein paar Sekunden entfernt vor der totalen Zerstörung durch einen Atomkrieg, einmal sogar durch einen blöden Computerfehler. Da diese Ängste, die in meiner Generation jeder spürte, als Variable gar nicht in diese Untersuchung eingingen, halte ich die ganze Studie im Untersuchungdesign für komplett falsch angesetzt, was auch dann das Phänomen erklären würde, dass zum Beispiel die relative Gleichheit in Stalins Kommunismus, in dem es allen annähernd gleich schlecht ging, nicht gerade psychisch gesündere Menschen produzierte. Ala: „Machma Stalin-Kommunismus, da gehts fast allen gleich beschissen und alle san heppi.“ Ja ich weiß, medizinisch wurde das nie untersucht, aber die Russen gingen damals nicht zum Arzt, sondern die Männer bekämpften ihre psychischen Probleme durch massiven Alkoholmissbrauch und Gewaltexzessen gegen ihre Frauen. Die ganze Literatur ist voll von der Aufarbeitung der Traumata von Frauen dieser Zeit. Also abgesehen davon, dass ich die Validität dieser Studien und die darauf aufbauenden Aussagen anzweifle, dauerte mir das Thema viel zu lange und wurde mehrmals zu oft angesprochen. Die weiteren Ausführungen haben mir aber ausnehmend gut gefallen zum Beispiel eine sehr kluge großartige Analyse der Auswirkungen von Sozialen Medien auf die psychische Gesundheit. Wir haben es hier gleichzeitig mit Foccaults Panoptikum und Mathiesens Synoptikum zu tun, alle beobachten alle, disziplinieren und bestrafen alle - der gläserne Mensch, ständig in Beurteilung. Zudem haben wir nur mehr parasoziale Beziehungen, die wir gegen echte soziale Beziehungen austauschen. Das ist ungesund für den Cortisolspiegel. Am furchtbarsten und interessantesten war dann der historische Abschnitt, was nonkonformen Frauen seit der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart im Rahmen der Psychiatrie von männlichen Ärzten angetan wurde und noch immer wird. Einige Fakten, zum Beispiel die Lobotomisierung kannte ich schon, bekanntestes Beispiel ist hier ja der Fall Rose Kennedy, aber vieles war mir neu. Zum Beispiel auch die vorgenommenen Genitalverstümmelungen der Wiener Ärzte rund um Siegmund Freud um die Jahrhundertwende. Aber auch in der Gegenwart hat sich nicht alles verbessert, Elektroschocks werden noch immer angewandt und die Diagnose Borderline-Störung ist meist auch eine Sackgasse, die kaum zu therapeutischem Erfolg führt. Auch heute werden Frauen anders behandelt als Männer, bei Frauen wird alles psychsomatisiert und pathologisiert sei es sogar ein Herzinfarkt und auch zum Beispiel Traumata, die durch männliche Gewalt ausgelöst werden und die dazugehörenden Überlebensstrategien. Anstatt die Täter und Männer in die Klapse zu stecken, wird Frauen beigebracht, sie seien nicht normal und müssen lernen, solche Auswirkungen einfach auszuhalten. Das war ein extrem informativer Abschnitt dieses Sachbuchs. Ach ja, weil ich es auch immer in anderen Werken anspreche. Die Quellen sind ausführlich und genau, da habe ich ausnahmsweise einmal, gar nichts zu meckern. Fazit: Abgesehen vom Beginn bin ich sehr angetan und habe viel gelernt. Das Buch liest sich sehr gut, ist verständlich formuliert, auch für Laien geeignet und gar nicht trocken und unspannend. Leseempfehlung!

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