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hasirasi2

Posted on 7.9.2021

Zart und unsichtbar … ist Anne eigentlich schon seit ihrer Kindheit. Für ihre Eltern zählte immer nur der große Bruder Fritz und Anne nahm sich gern zurück, blieb im Hintergrund. Als Fritz im 2. WK starb, änderte sich nichts an der Situation. Darum ist es wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, dass sie sich ausgerechnet in den großen kräftigen Benno verliebte und seine Frau wurde – auch hinter ihm kann sie sich prima verstecken. Kennengelernt hatten sie sich im Krieg, als Annes Familie bei dem Hamburger Feuersturm alles verlor und nach Lüneburg zog. Und obwohl das schon über 14 Jahre her ist, gilt sie immer noch als die Fremde“. Das liegt auch an ihrem Aussehen. Sie ist nicht nur klein und zart, sondern hat auch einen dunklen Teint und mandelförmige Augen, kann ihren italienischen Großvater nicht verleugnen. Manchmal wird sie sogar verächtlich als Jüdin oder Zigeunerin bezeichnet. Auch ihre einst so liebevolle Ehe läuft nicht mehr gut, seid ihr Mann mit einem alten Schulfreund ein Möbelhaus eröffnen will und ihre Zwillinge in die Pubertät gekommen sind. Ein Lichtblick ist ihre Schwiegermutter Margarethe, die einen Friseursalon betreibt und Anne ermuntert, endlich wieder zu arbeiten, sich als Avon-Beraterin zu versuchen: „Du hast ein Händchen für Farben. Und Stil. … Du solltest dein Talent endlich nutzen. … Du könntest andere Frauen schminken und beraten.“ (S. 31) „Ein Koffer voller Schönheit“ spielt zu Beginn der 60er Jahre, als sich das Rollenbild der Frauen wieder einmal wandelte. Im Krieg mussten sie die Männer ersetzen und die Wirtschaft am Laufen halten, danach hatten sie sich wieder als Hausmütterchen zurückzuhalten. Jetzt beginnt endlich der Wirtschaftsaufschwung, die Kinder werden langsam flügge und die Hausfrauen sind erst Mitte 30 – eindeutig zu jung, um sich nur im Haus zu verstecken. Sie haben Wünsche und Träume, sei es eine Reise, ein Fernseher oder eine moderne Einbauküche – die Werbung weckt Begehrlichkeiten. Allerdings brauchen sie die Zustimmung ihres Mannes für den Führerschein oder eine Arbeitsstelle... Anne hatte sich mit diesem Leben gut arrangiert, war glücklich und zufrieden als Hausfrau und Mutter, bis ihr Mann plötzlich die Metamorphose vom glücklichen Schreiner zum unglücklichen Möbelhaus-Mogul macht und sein Kompagnon auch noch eine junge, schöne, elegante und aufregende Verkäuferin mit sexy Kurven einstellt. „Ich bin einsam an der Seite meines Mannes.“ (S. 40) erkennt sie irgendwann und will, bestärkt von Margarethe, endlich mehr, ein selbstbestimmtes Leben und beruflichen Erfolg. Ich konnte mich gut in sie einfühlen, das stille Heimchen am Herd, das es allen recht machen will und sich selber darüber vergisst. „… du bist ein viel zu braves Frauchen geworden. Du tust nur noch, was deinem Gatten gefällt. Wo ist dein eigener Kopf geblieben? Hast du den irgendwo zwischen Kinder, Küchen und Kirche verloren?“ (S. 67) Ihr Kampf um Unabhängigkeit wirkt echt und wird nicht romantisiert, man kann die Schwierigkeiten und Selbstzweifel gut nachvollziehen. Ich fand es toll, wie sie endlich ein Selbstbewusstsein entwickelt und sich nicht mehr hinter ihrem Mann versteckt und damit sogar ein Vorbild für ihre Kundinnen wird. Mein heimlicher Liebling aber ist ihre Schwiegermutter Margarethe, die so herrlich exzentrisch und unkonventionell ist. Sie war schon immer eine starke Frau und hat sich auch von ihrem Mann nie unterbuttern lassen, als er noch lebte. Sie liebt alles Italienische und Amerikanische, kann nicht kochen, sondern macht einfach eine Dose Ravioli auf oder rührt Kartoffelbrei aus Pulver an. Außerdem hat sie der Männerwelt noch nicht abgeschworen, ganz im Gegenteil: „Ich bin zwar einundsechzig, aber ich habe durchaus noch meine Bedürfnisse.“ (S. 37) Kristina Engel schreibt sehr unterhaltsam und anschaulich über die damalige Zeit, ich habe das Buch an nur einem Tag verschlungen. Und obwohl (oder gerade weil) ich in der DDR aufgewachsen bin, kann ich mich noch gut an den Geschmack der ersten frischen Ananas, Dosenravioli oder Coca Cola erinnern und musste an diesen Stellen beim Lesen schmunzeln. Auch das Konzept und die Arbeit der Avon Beraterinnen wird gut dargestellt. Mein Fazit: Eine spannende und unterhaltsame Geschichte über Frauen in den frühen 60ern, ihr Leben zwischen Abhängigkeit und Emanzipation, Küche und Karriere.

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