Profilbild von awogfli

awogfli

Posted on 6.9.2021

Ich bin ein bisschen zwiegespalten, denn ich mochte die Geschichte fast bis zum Schluss sehr gerne, wenn ich auch jeden verstehen kann, der auf diesem steinigen Weg zwischendurch entnervt abgebrochen hat. Der Roman von Eva Menasse fordert die Leserschaft heraus: eine sehr anspruchsvolle, manchmal auch ein bisschen zu spröde, komplexe Sprache, viel zu viel Personal, viele falsche Identitäten, viele Rückblenden, viel Vertuschung und Verwirrung, viele Lügen und Verdrängung, aber das ist exakt das Programm der Kleinstadt namens Dunkelblum und seiner Bewohner. Schon seit dem Debüt-Roman Vienna bin ich ein Fan der Sprachfabulierkunst der Autorin und ihrer verzwickten, ausufernd konzipierten Familienbeziehungen, aber ich muss doch eingestehen, ihre Werke sind gewöhnungsbedürftig. Eva Menasse beschreibt uns ziemlich perfekt den Mikrokosmos Dunkelblum, fast vergessen, genau vor der Demarkationslinie Eiserner Vorhang im österreichischen Burgenland an der Grenze zu Ungarn positioniert. Die Handlung des Romans setzt im Jahr 1989 ein, ein paar Wochen vor dem Beginn des Ostblockzusammenbruchs und der Durchtrennung des österreichisch-ungarischen Grenzzauns. Diese Art Orte kenne ich von meiner Oma, die in Altmanns bei Heidenreichstein in Niederösterreich im Grenzland lebte. Nur dass bei meiner Oma halt Tschechien statt Ungarn hinter dem Stacheldrahtzaun und der Todeszone lauerte, aber für uns Kinder war das ohnehin egal, weil alles Terra incognita war. In solchen Gegenden stand das Leben überall bis 1989 still, und man befand sich tatsächlich irgendwie am Rand der Welt, was einen besonderen Menschenschlag hervorbrachte. Alle, die über die Grenze gingen, tauchten lange nicht mehr auf. Sogar harmlose Pilz-Sammler, die sich im Wald verirrt hatten, kehrten Wochen bis Monate nicht mehr zurück. Als Leserin konnte ich diese Stimmung, die ich auch bei der Oma erlebt habe, regelrecht greifen. Das schafft Menasse wirklich sensationell, diese Atmosphäre einzufangen, mit Worten zu erzeugen und sie auch in den LeserInnen zu verankern. Ein enorme Anzahl an ProtagonistInnen, die Angst vor Fremdem und Misstrauen gegenüber Fremden, viel Nazi-Vergangenheit und Verdrängung derselben kennzeichnen die beschriebene Gesellschaft im Roman. Durch ein bisschen Lüftung des Vorhangs und Andeutung von ein paar Gräueltaten, leichteren Verbrechen und Mitläuferbiografien in der Stadt-Geschichte zur Nazizeit wird einfach viel zu viel Personal gleichzeitig in die Story eingeführt. So entsteht ein unentwirrbares Wimmelbild, das sich noch potenziert, weil auch noch Figuren aus der Vergangenheit unter falschem Namen heute unerkannt leben oder sich durch Heirat und Namensänderung ebenso ihrer Vergangenheit entledigt haben. Alles ist in Dunkelblum unter der Tuchent (Bettdecke), wie man in Österreich so schön sagt, und wenn man diese nur ein kleines bisschen lüftet, um die Wahrheit zu erfahren, dann wimmelt es darunter vor Schaben, Maden, Gewürm und anderen Grauslichkeiten (personell und charakterlich gemeint). Das Einstiegsszenario stellt sich wie folgt dar: Eine Gruppe von Wiener Studenten hat den Auftrag, den überwucherten und verfallenen jüdischen Friedhof von Dunkelblum aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, die von Brombeersträuchern überwucherten Gräber freizulegen und die Toten zu ehren. Im Rahmen der Erhaltungsarbeiten wird ein Grab freigelegt, das genauso heißt wie das Hotel des Ortes, die Angestellten wundern sich, denn die Hotelbesitzerin ist keine Jüdin. Zudem wird im Zuge eines Streites um die Wasserversorgung der Stadt bei Probebohrungen auf einer Wiese eine alte Leiche ausgegraben, wahrscheinlich aus 1945. Das Setting mit den Verdrängungen erinnert mich ein bisschen an Das flüssige Land von Raphaela Edelbauer. Ein Fremder, möglicherweise aus Übersee stammend, der den meisten Stadtbewohnern recht sympathisch ist, schnüffelt neuerdings in den Geschichten und der Vergangenheit herum, wenn er auch sehr subtil und nicht aggressiv vorgeht. Zudem hat ein nach Wien ausgewanderter Sohn namens Lowetz, dessen Mutter gerade gestorben ist, den Weg zurück in den Schoß der Gemeinschaft gefunden. Zusammen mit Flocke, einer jungen Frau, die als Außenseiterin in der Kleinstadt wohnend, nie Respekt vor der Vergangenheit gezeigt hat – die Respektlosigkeit manifestiert sich darin, dass sie die Vergangenheit aufdecken möchte – wühlen die beiden in Sachen, die vielen Leuten sehr, sehr unangenehm sind. Der wenig integrierte und den Dunkelblumern unsympathische Tourismusbeauftragte und Reisebürobesitzer Rehberg, der im Übrigen homosexuell ist, was auch die Ressentiments der Einwohner hinlänglich erklärt, hat auch nichts dagegen, wenn einige Geheimnisse der Vergangenheit gelüftet werden. Diese vier Protagonisten bilden die progressiven Kräfte der Kleinstadt ab und werden von den ganz Alten, von den Verbrechern und Opfern der Nazizeit, von den Mitläufern und eigentlich fast vom ganzen Rest der Gesellschaft blockiert und verhindert, sodass sie zu Beginn der Geschichte gegen Gummiwände laufen. Dennoch poppen nach und nach immer wieder, durch die neuen Umstände verursacht und durch manche Mittäter und Mitläufer, die ihr Gewissen erleichtern wollen, beziehungsweise durch Opfer, bei denen Traumata auftauchen, die sich nicht mehr unterdrücken lassen, ein paar der Geheimnisse an die Oberfläche. Fast jede einzelne der unzähligen Figuren ist extrem gut konzipiert und mit spitzer Feder gezeichnet, auch wenn die ProtagonistInnen uns ihre Abgründe, ihre Verbrechen und manchmal sogar ihren Namen und ihre Herkunft verheimlichen. Menasse seziert manchmal mit sehr viel Bösartigkeit – da kommt bei mir immer Freude auf – unzählige Prototypen einer kleinstädtischen Gesellschaft, auch wenn sich diese nachträglich mehrheitlich vielschichtiger erweisen, als erwartet. Das verhindert auch eine Klischee- und Schablonenhaftigkeit des Romans und seiner handelnden Personen. "Die Dunkelblumer alterten regulär vor sich hin, aber weil sie reichlich tranken, bemerkte man ihr Altern lange kaum, die Äuglein blitzend, die Wangen rosarot, bis Freund Flüssigmut und -trost schließlich schnell und erbarmungslos zuschlug. Er war ein Profikiller: Der, den er sich aussuchte, begann morgens beim Aufstehen bloß ein bisschen zu husten, beim Frühstück spuckte er die erste von den vielen, immer schneller aufeinanderfolgenden Portionen Blut und nach höchstens einer Viertelstunde und einer beeindruckenden Sauerei, die den Hinterbliebenen zwar hinterblieb, aber so gut wie nie zur Mahnung gereichte, war die Angelegenheit auch schon vorüber." Was für eine Wortfabulierkunst! „…die den Hinterbliebenen zwar hinterblieb, aber so gut wie nie zur Mahnung gereichte“, mit dem Saufen aufzuhören. Das ist sprachlich großartig. Bei all dem nicht einfachen Aufwand, die gesamte Geschichte von Dunkelblum und alle Figuren zu entschlüsseln, war ich dennoch jede einzelne Seite gespannt wie ein Flitzebogen, was noch alles unter dem Teppich versteckt wurde, nach und nach offenbart wird und wie die Geschichte weitergeht. Die Autorin und ihr Mikrokosmos Dunkelblum haben mich gepackt und mitgerissen, ich konnte einfach nicht zu lesen aufhören, obwohl ich manchmal verdutzt und irritiert nur Bahnhof verstand. In der Hoffnung, auf den letzten Seiten dann das ganze Puzzle zusammensetzen zu können, habe ich wissbegierig weitergemacht. Sehr oft habe ich in vielen anderen Büchern schon so ein Verwirrspiel mit den Figuren angeprangert, weil ich den Bezug zu den Protagonisten verloren hatte, und mir das Gewimmel einfach irgendwann zu mühsam wurde. Hier ist mir das ausnahmsweise nicht passiert, wahrscheinlich auch, weil eben das Setting, die Aussage des Romans und die Vertuschung genauso wie das Programm von Dunkelblum sind. Diese unsägliche Kleinstadt-DNA wird zum Leitfaden für den Plot. Ich kann aber jeden verstehen, der so etwas zu anstrengend findet, denn es ist anstrengend, das muss ich zugeben Leider folgt Eva Menasse im für mich überhaupt nicht befriedigenden Finale des Romans dem eigenen Zitat: "Die ganze Wahrheit wird wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis." Sie löst daher einfach sehr, sehr wenig auf. Enorm viele Fragen blieben für mich unbeantwortet, oder ich habe die Hinweise bei dem Figurengewusel im Dornengestrüpp der Vertuschung und der Lügen der ProtagonistInnen einfach nicht mitbekommen. Da wären zum Beispiel einige: Ist die Leiche wirklich ein Soldat oder ist es eine Frau und wenn ja, welche? Wer hat den Stahlhelm gestohlen, um ihn bei der Leiche zu deponieren, damit es so aussieht, als sei die Leiche ein Soldat, oder hat sich Loewetz mit seiner Beobachtung getäuscht? Wer war wirklich für die Schüsse an der Grenze verantwortlich und wie wurde diese Intrige konzipiert? … Fragen über Fragen. Ich bin ja eher von der Fraktion: „Nichts ist so fein gesponnen, dass es nicht kommt an die Sonnen“. Also in meinem kindlichen Sinn für Gerechtigkeit habe ich auch in der Realität die Hoffnung, dass irgendwann einfach alles ans Licht kommt, auch wenn es Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang dauern mag. Insofern hat für mich die Autorin als letzte Instanz die Wahrheit ihrer Geschichte einfach nicht abgeliefert, obwohl ich natürlich ihre Intention auch verstehen kann, alles offen zu lassen. In der Fiktion, insbesondere bei Kriminalfällen, will ich aber einfach Ordnung haben, da kommt bei mir der Monk heraus, wenn nicht alles aufgeklärt wird. Offene unbestimmte Enden habe ich schon immer gehasst. Ich fühlte mich ein bisschen geleimt, weil ich fiebernd drangeblieben bin und mir dennoch meine Fragen nicht beantwortet wurden. Fazit: Ein in vielerlei Hinsicht sehr anstrengender Roman ohne erfolgreiches Finale, fast so wie ein Langstreckenorientierungslauf ohne Karte. Ein geniales Stimmungsbild, ein sehr spannendes Verwirrspiel nur teilweise mit Auflösung. Und trotzdem, bis auf das Ende mochte ich ihn sehr und habe die Reise in die Vergangenheit genossen.

zurück nach oben