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elena_liest

Posted on 16.11.2020

Als Déodat das Licht der Welt erblickt, sind seine Eltern schockiert: wie kann ein Baby nur so hässlich sein? Erschüttert von Déodats Äußerem sehen sie erst sich selbst und später den Jungen selbst Spott und Hähme ausgesetzt - dabei ist er mit Abstand der Klügste in seinem Umfeld. Erst seine Liebe zu den Vögeln und sein Schaffen als Ornithologe befreien ihn von den Vorurteilen seiner Mitmenschen. Mit ganz anderen Vorurteilen hat die wunderschöne Trémière zu kämpfen. Ihre Mutter sieht sich außerstande, sich um das bildhübsche Kind zu kümmern und so wächst sie isoliert bei ihrer Großmutter auf, die sie abgöttisch liebt. Das eher stille Mädchen wird fälschlicherweise für dumm gehalten, weshalb sie von ihrem Umfeld verachtet wird. Was diese beiden Geschichten am Ende miteinander verbindet, solltet ihr bei der Lektüre selbst herausfinden. Amélie Nothomb hat mit "Happy End" wieder ein sehr schmales, aber zugleich sehr unterhaltsames Buch geschrieben. In knapp 180 Seiten adaptiert sie das französische Märchen "Riquet mit der Locke" und das wirklich gut! Bissig beobachtet sie die Verhaltensweisen unserer Gesellschaft und zieht aus dem Märchen ihre ganz eigenen Schlüsse. Ich kannte "Riquet mit der Locke" vor der Lektüre des Buches nicht, am Ende ist das Märchen aber abgedruckt und ich fand die Parallelen sehr zauberhaft. Sowohl Déodat als auch Trémière konnten mich in der Kürze in ihren Bann ziehen und haben die Märchenfiguren auf ein modernes Niveau gehoben. Nachhaltig begeistern konnte mich dieses Werk Nothombs aber leider nicht. Gerade mit ihrem neuesten auf Deutsch erschinenen Roman "Klopf an dein Herz" hat es einen sehr starken Gegner und bleibt im Vergleich eher blass. "Happy End" hat mir einige schöne Lesestunden beschert, wirklich Stoff zum Nachdenken wurde mir aber nicht da gelassen. Vielleicht liegt das am Thema: Dass Liebe durch die Augen derer, die die rosarote Brille aufhaben, klug und schön macht und so natürlicher Schönheit überwiegt war für mich eher nur nettes Geplänkel. Alles in allem also ein ansprechendes Werk, das durch seine Bissigkeit und tolle Wortkunst überzeugen kann, aber leider auf inhaltlicher Ebene eher durchschnittlich wirkt. Von mir gibt es 3,5 / 5 ⭐.

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