Profilbild von naraya

naraya

Posted on 6.2.2020

Green City in einer fernen Zukunft. Der Ausbruch eines Virus hat ein großes Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen geschaffen. Um die Gesellschaft zu erhalten, macht der Staat es zur Pflicht für die Frauen, ihr Leben völlig in den Dienst der Reproduktion zu stellen. Sie gehen nicht mehr arbeiten und haben mehrere Gatten, mit denen sie so viele Kinder wie möglich produzieren. Es ist ein hartes und grausames Leben, das diese Frauen führen, aber unter ihnen gibt es auch Rebellinnen, die sich gegen die Obrigkeit auf ihre eigene Weise zur Wehr setzen. "Die Geschichte der schweigenden Frauen" wird aus unterschiedlichen Perspektiven von einem allwissenden Erzähler geschildert. Protagonistin ist Sabine, die nach dem Freitod ihrer Mutter noch als Schulmädchen aus dem System ausbricht und Zuflucht in der so genannten Panah findet. Die Panah ist eine Art Frauenhaus, in der all diejenigen aufgenommen werden, die nicht nur Gattin und Mutter sein wollen. Wie Prostituierte bieten sie sich reichen Klienten an. Jedoch geht es dabei nicht um Sex, sondern um etwas, das viele Männer sich aktuell nicht mehr erlauben können: Intimität und Zuneigung, ohne Körperlichkeit. Bina Shah erzählt in bildlichen, oft poetischen, aber auch grausam realistischen Worten aus ihrer dystopischen Welt, die sich in gewisser Weise auch auf unsere Gesellschaft übertragen lässt. Was geschieht, wenn Frauen nicht mehr länger Herrin über ihren Körper und ihre Gefühle sein dürfen? Und was wird aus Männern, die in einer solchen Welt aufwachsen? All das sind Fragen, mit denen sich der Roman beschäftigt. Die Charaktere sind durchweg interessant, haben aber auch ihre Ecken und Kanten. Jede und jeder von ihnen hat seine ganz eigenen Geheimnisse und Dämonen. Da ist zum Beispiel Lin, die wie eine Bordellchefin über "ihre" Frauen wacht. Die ihnen strenge Regeln auferlegt, aber auch alles tun würde, um sie zu beschützen. Oder Julian, ein junger Arzt, der sich nicht damit abfinden kann, dass er nur diejenigen retten soll, die das System für wertvoll erachtet. Sie alle wachsen einem im Verlauf der Handlung ans Herz, so dass man sie gerne noch eine Weile weiter begleiten möchte. Für meinen Geschmack hätte der Roman gerne noch 200 Seiten länger sein können; Bina Shah selbst schreibt in ihrem Nachwort, dass "Die Geschichte der schweigenden Frauen" ursprünglich nur ein einziges Kapitel hatte, nämlich das erste. Später dann baute sie diese Episode zu einem ganzen Roman aus. So hat die Handlung auch tatsächlich etwas Episodenhaftes - nicht, dass etwas Konkretes fehlen würde, aber dennoch erlebt der Leser nur einen kleinen Ausschnitt einer dystopischen Welt, die so erschreckend und faszinierend zugleich ist. Fazit: ein besonderer kleiner Roman, der am liebsten nicht enden soll

zurück nach oben