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schnick

Posted on 5.2.2020

Mannomann, war ich am Ende fertig. Was für ein Hammerbuch! Kurz, knackig, grausam... und unfassbar gut!   Marcos, der Protagonist, lebt in einer Welt, in der die Tierwelt von einem Virus befallen wurde, das für Menschen tödlich ist. Große Teile der Tierwelt wurden deshalb getötet, weil sie eine unmittelbare Gefahr für Menschen darstellen. Aber die Menschen möchten Fleisch essen und die Wissenschaftler im Roman kommen zu dem Schluss, dass der Mensch Fleisch essen MUSS. Positiver Nebeneffekt: Die Überbevölkerung nimmt ab. Menschen werden in dieser Welt gezüchtet, aufgepäppelt und zu Fleisch, Leder, Dünger etc. pp. verarbeitet. Das ist die Prämisse. Klingt grausam? Nun, "Wie die Schweine" ist natürlich nichts anderes als eine Dystopie, in der Menschen das angetan wird, was wir schon heute Tieren antun. Aber wie das so ist: Das Leid der Tiere als Leid von Menschen präsentiert zu bekommen, das entfaltet eine Wirkung, ein Mitgefühl, das uns abgestumpfte Wohlstandsmenschen Tieren gegenüber fehlt. Denn es sind ja nur Tiere. Im "Wie die Schweine" werden deshalb Menschen, die gezüchtet wurden, folgerichtig nicht als Menschen bezeichnet, denn "Es gibt Wörter, die die Welt verschleiern." und "Es gibt Wörter, die bequem sind, hygienisch, legal." So ist der offizielle Begriff "Spezialfleisch", um die Wahrheit zu beschönigen. Das Interessante ist, was während des Lesens passierte. Denn auch wenn ich immer wieder schockiert war über das, was ich las, trat bei mir auch ein Gewöhnungseffekt ein. Hatte ich anfangs noch geradezu körperliche Reaktionen auf Alternativbegriffe wie Spezialfleisch, so trat bereits nach kurzer Zeit Gewöhnung ein. Nur noch mein Kopf spielte da nicht mit, der wusste nach wie vor, dass das alles nicht richtig ist. Aber zurück zu dem unfassbar guten Buch: Denn so grausam die Prämisse ist und so grausam die Lebensumstände, die beschrieben werden sind, so nüchtern werden sie von Agustina Bezterrica vorgetragen. Sie weidet sich nicht an der Grausamkeit, sie stellt sie nur dar. Und so ist "Wie die Schweine" kein Blutfest, sondern im Kern ein Porträt der Gesellschaft, in der wir jetzt und hier leben. "Wie die Schweine" entfesselt dabei eine Sogwirkung, der ich mich nur schwer entziehen konnte. Der Roman führt uns den menschlichen Egoismus vor Augen, die Schattenseiten der Konsumgesellschaft, in der jedes alles und möglichst billig haben will - ohne Rücksicht auf die Umwelt, die Tiere und die Menschen, die dabei auf der Strecke bleiben. Und das alles gelingt der Autorin ohne erhobenen Zeigefinger, sondern durch eine Geschichte, die von Marcos, dem vielschichtig gestalteten Protagonisten, der früher Tiere geschlachtet hat und nun in einer Menschenschlachterei arbeitet. Seine Geschichte fesselt die Leser*innen, lässt sie immer weiter vordringen bis zum bitteren Ende, das so konsequent ist, das noch einmal verdeutlicht, wie egoistisch wird als Menschen sind, wie vor gestrickt sind, wie wir handeln, wenn um uns als Individuen geht.  "Wie die Schweine" ist ein großartiges Buch. Ich habe es verschlungen, habe mich hineinreißen lassen, habe mit Marcos gefühlt, dem Tierfreund, der seinen Sohn über alles geliebt hat und ihn auf so herzzerreißende Weise vermisst, habe mit ihm seine unsägliche Schwester verabscheut, habe mich für ihn gefreut, als er endlich begann, sich durchzusetzen und wurde am Ende des Romans ins kalte Wasser geworfen. Augustina Bazterricas Roman funktioniert auf allen Ebenen. Er ist nicht zu kurz und nicht lang, er ist sprachlich toll umgesetzt (und toll ins Deutsche übertragen von Matthias Strobel), er ist konsequent, er ist hart und doch schön, er regt zum Denken an, ist aber trotzdem unterhaltsam... kurz: "Wie ein Schwein" ist ein verdammt guter Roman. Lest ihn! (Anmerkung: Mir wäre übrigens lieber gewesen, Suhrkamp Nova, wenn der deutsche Titel näher am Original gewesen wäre. "Exquisite Leiche" ist so viel passender und poetischer und tatsächlich auch subtiler.)

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