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Posted on 2.2.2020

Schimmernd strahlende Lektüre Eine Gemeinschaftsproduktion von Thursdaynext und Bri Moonglow heißt wörtlich: Silberlicht oder sanftes Licht des Mondes. Michael Chabons Moonglow kann mehr als nur schimmern. Es strahlt. Und das betörend und hell. Wie es für den englischen Begriff dieses besonderen Scheines keinen adäquaten deutschen Ausdruck gibt – zumindest haben wir nichts gefunden, was die glühende Atmosphäre, die im Wortteil „Glow“ mitschwingt, treffend übersetzt – so gibt es wohl für ein erfülltes Menschenleben, das spät erzählt voller Geheimnisse steckt, auch keine Wahrheit. Und so erzählt Michael Chabon die (fiktive) Geschichte seiner Familie, speziell seines Großvaters, so, wie sie für ihn Sinn ergibt und wahr erscheint. „Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gern verstehe, beugen.“ Chabon beugt nicht nur, er fabuliert, lässt Geschichte wiederauferstehen, verwischt, zeichnet weich und das alles so packend, dass man Moonglow nicht aus der Hand legen möchte, ja gar nicht kann. Immer weiterlesen, mehr erfahren über das Leben des Großvaters, der sich auf dem Sterbebett öffnete, dessen Leben und Charakter sich rückwirkend aufrollt und seine Motive erklärt. In leichtem Plauderton, fast schon nebensächlich, berichtet der Ich Erzähler Enkelsohn von diesem erfüllten Leben, einer großen Liebe und der, man könnte es fast als Manie bezeichnen, Faszination seines Großvaters für Raketen. Auch wer nie Interesse an Raketen hatte wird hier zum Liebhaber oder entwickelt zumindest ein Verständnis für dessen Begeisterung. Moonglow ist Genußlesen von der ersten bis zur letzten Seite, mit dem Wunsch, die Erzählung möge niemals aufhören. Immer wieder wird in gewissen Blasen diskutiert, wie viel Autobiographie ein Roman verträgt, wieviel Fiktion in einem (auto)biographischen Text stecken darf und ob es sinnvoll und vor allem legitim sei, den Autor in seinem Werk zu decodieren. Das beste Beispiel für diese Diskussionen gibt sicherlich Knausgards Romanzyklus ab. Memoir nennt man das heute, wenn man äußerst autobiographisch schreibt und Fiktion dabei ein wenig zum Ausdruck kommt. Michael Chabon hat zu dieser Art von Text eine ganz eigene Meinung: Wahrheit im Nachhinein ist objektiv nicht zu bekommen. Denn Erinnerungen sind ausgewählte Fetzen einer vergangenen Realität und somit subjektiv gefärbt. Weshalb dann nicht gleich einen richtigen Roman draus machen, der das Gefühl vermittelt, so wäre es tatsächlich gewesen? Chabon macht das meisterhaft, überschäumend und trotzdem so realistisch, dass die wahren Begebenheiten, die er in seine Geschichte einflicht und die im Falle von Moonglow schon harter Tobak sind, die Leserschaft zwar erreichen und das durchaus nachhaltig, aber nicht niederknüppeln. Das ist wahre Kunst und eine Eigenheit, die vor allem englisch sprachigen Autoren zueigen ist. Deutsche Autoren haben wohl immer das Gefühl, wenn sie Themenkomplexe bearbeiten, die emotional schwer ertragbar sind, sie müssten diesen mit ebenso schwerer Schreibe gerecht werden, um deren Relevanz zu unterstreichen. Und damit wird sehr viel verschenkt. Chabon hat sich durch diese Kunstfertigkeit, emotional schwierige Themen wunderbar zu verpacken, bereits seit einigen Romanen in unsere Herzen geschrieben. Die Vorfreude auf seinen neuen Roman war daher groß. Sein letztes Buch, Telegraph Avenue haben wir geliebt, ebenso wie Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay, Sommerland – seinen Jugendroman in dem sich Magie und Baseball vermischen – und auch seine Essays in Mann sein für Anfänger. Die Vereinigung jiddischer Polizisten war ebenfalls großartig und wie wir jetzt wissen, war einer der Ideengeber dafür auch ein Gewährsmann der Ereignisse, die in Moonglow ihren Niederschlag finden. Die Schurken der Landstraße haben sich mit ihrer Schläue und ihrem Witz für immer auf unserer literarischen Landkarte eingeschrieben. Die Geheimnisse von Pittsburgh, sein Debüt ist für Thursdaynext sein schwächstes Werk, für Bri war es der Auslöser für ihre Schwärmerei für Autor und Buch. Moonglow aber überstrahlt für uns beide dies alles mit seinem Glühen und das mit Leichtigkeit – die Vorfreude war berechtigt und die Erwartungen wurden übertroffen. Denn hier wird Geschichte lebendig. Sepiafarbene Bilder wandeln sich in buntes Technicolor und beginnen sich zu bewegen. Das liegt zum einen an Chabons schlitzohrigen Protagonisten, die alle über die berüchtigte Chuzpe verfügen, die zu besitzen einem im Leben nur weiterhelfen kann, und zum anderen an der unaufdringlichen Verknüpfung weltgeschichtlicher Ereignisse und ihren Auswirkungen auf privates Leben. Nebenbei kann man bei Michael Chabon immer wieder neues lernen. Sei es über Baseball, Comics, jiddischen Style of Life oder wie in Moonglow über Raketen, deren Erbauer und die Sehnsucht danach, irdischen Unzulänglichkeiten zu entfliehen – weit weg, bis zum Mond. Immer im Fokus: Jene Angelegenheit, die unser kurzes irdisches Leben lebenswert gestaltet. Liebe, egal in welcher Form. Michael Chabon ist einer der großen amerikanischen Erzähler. Liest man einen seiner Romane, hat man das Gefühl er sei der Größte, und während man ihm folgt, sich in sein Cinemascope entführen lässt ist er das auch. So sitzt man auch mit Moonglow wieder wie früher am Lagerfeuer, wärmt sich und lauscht entrückt … im sanften Schimmern des Mondlichts.

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