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Bris Buchstoff

Posted on 2.2.2020

Von Walt Whitman, der als der Mitbegründer der modernen amerikanischen Dichtung gilt, ist den meisten von uns wohl sein umfassendes Lebenswerk mit dem Titel „Leaves of Grass“ bekannt. Manchen Lesern direkt via Lektüre, manchen Menschen aus dem wunderbar schrägen Film „Down by Law“, den Jim Jarmusch 1986 in die Independentkinos brachte, damit über diesen Bereich hinaus Berühmtheit erlangte und der binnen kurzer Zeit Kultstatus erlangte. Wer diesen Film kennt, wird sich immer und unausweichlich an die Gefängnisszene mit Roberto Benigni erinnern, in der er seinem Zellengenossen Tom Waits Walt Whitman näher bringen will. Obwohl er kaum englisch spricht und deshalb ein Gedicht auf italienisch rezitiert. Die Kraft die davon ausgeht, obwohl in einer Sprache rezitiert, die er nicht versteht, lässt Tom Waits bedächtig innehalten – es muss also etwas dran sein, an diesem Walt Whitman, den viele so sehr verehren. Und noch ein Film aus dieser Zeit stellt Whitman mit einem seiner Gedichte in den Mittelpunkt. In „ Der Club der toten Dichter“ bezieht sich der Lehrer John Keating (verkörpert von Robin Williams) immer wieder auf Whitmans Schriften, die durch ihre Themen, die im (politischen) Alltag der Menschen angesiedelt waren, eine neue Art von Lyrik repräsentierten, indem sie die bisher vorherrschende lyrische Abgehobenheit auflösten. Unvergesslich die Szene, als Keating suspendiert wird und einige seiner Schüler ihm mit dem Titel des Whitman Gedichtes, das dieser zum Tode Abraham Lincolns verfasste, ihren Respekt zollten. Dass Whitman quasi New Yorker auf Lebenszeit war, war mir lange nicht bewusst. Ich weiß nicht, weshalb ich ihn vor meinem geistigen Auge immer eher in ländliche Gefilde positionierte, sind seine Gedichte doch tatsächlich politische. Als ich nun auch noch auf den von ihm anonym im Jahr 1852 als Fortsetzung veröffentlichten Roman stieß, dessen Cover schon eindeutig klar macht, dass es sich um die Geschichte eines junges Mannes, der sich in der von Whitman selbst als die »radikalste Stadt Amerikas« bezeichneten Metropole beweisen muss, handelt, war klar: Das muss ich lesen. Und was soll ich sagen, es hat sich mehr als gelohnt. Jack Engle, ein Waisenjunge, wächst in den 1850er Jahren in New York auf. Die ersten Jahre sind mehr als hart und als er buchstäblich kurz vor dem verhungern ist, trifft er auf einen Mann, der ihm zunächst zu essen, dann ein Dach über dem Kopf und schließlich sogar eine Lehrstelle verschafft. Bei einem etwas dubiosen Rechtsanwalt trifft Jack auf die unterschiedlichsten Menschen und nimmt die Leserschaft mit in ein multikulturelles New York einer Zeit, die zwar längst vergangen ist, aber dennoch recht modern anmutet. Das verdankt der Roman einerseits der Sprache Whitmans und andererseits der Darstellung dessen, was für Whitman immer wichtig war: das Alltagsleben. Dabei bleibt der Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten nie fern. Die Verquickung unterschiedlicher Prosagenres macht die Lektüre frisch und abwechslungsreich. Grundlegend als Autobiographie getarnt, die eine Liebesgeschichte erzählt, Reportage-artige Einschübe enthält und in eine Detekivgeschichte mündet, da Jack einen Betrug aufgedeckt, spielt dieser Roman quasi mit Grenzüberschreitungen. Und das macht er sehr gut. Whitmans Roman besitzt den eigenen sprachlichen Charme seiner Zeit, ohne in der Übertragung durch den Herausgeber Jürgen Brôcan altmodisch oder zu modern zu wirken. Durch das Nachwort von Jürgen Brôcan erklärt sich auch weshalb: Er ist ein wahrlich profunder Kenner Whitmans und dessen Werks und hat sich hervorragend in diesen Roman eingefühlt. Auf seiner eigenen Internetseite kann man über Jürgen Brôcan erfahren, dass er einen Kater besitzt, der Whitman heißt – eine tiefe Verbundenheit, die in der von ihm herausgegebenen Edition spürbar wird. Vom Cover bis zum Nachwort.

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