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Sarang

Posted on 1.2.2020

Fünf Jahre. Fünf Freunde. Kein Wort. Der Augenblick ihres Todes ist genauso perfekt wie dieser hier, den ich gerade erlebe. […] Ich muss nicht abdrücken, ich brauche keine Waffe, ich muss nur meine Arme ausbreiten wie ein Engel und warten, bis der Schnee über mir zusammenschlägt und es dunkel wird, dunkel und weich und geborgen. S. 174 Der Inhalt: Die anderen wissen nicht, weshalb Linna vor fünf Jahren die Band „Linna singt“ auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verlassen hat. Nach fünf Jahren trommelt Maggie sie wieder zusammen, um für einen Gig zu proben. Dafür müssen sie einige Tage in eine einsame Hütte in den Bergen fahren. Es ist ein Versuch des Neueinstiegs und der Vergangenheitsbewältigung. Was niemand ahnt ist, dass sie sich vollkommen entfremdet haben. Dennoch sind die alten Sehnsüchte, unerfüllten Begierden und festgewachsenen Gedanken über die anderen noch vorhanden und so wird Linna plötzlich zum Opfer der anderen. Schließlich hat sie die Band aufgelöst und immerhin gibt es über sie schon immer die fiesesten Gerüchte und schließlich ist sie undurchschaubar und unantastbar. Aus harmlosen Spielen und Stänkereien wird bitterer Ernst; als niemand mehr niemandem trauen kann und der Tod plötzlich zwischen ihnen steht... Stetig neue Höhepunkte „Linna singt“ von Bettina Belitz ist das wohl ergreifendste Werk, das ich mir vorstellen kann. Neben den Elementen, die mir direkt ins Herz gingen, verstand sich Bettina Belitz darauf eine immerzu spannende Atmosphäre zu kreieren. Durch das Wechselbad der Gefühle der Protagonistin, allgemeinem Misstrauen, Vertrauen und regelmäßigen Tabubrüchen generieren sich stetig neue Höhepunkte, die zu einem unvergesslichen Roman verschmelzen. „Linna singt“ ist ein Werk, das ständig zwischen beinahe unerträglicher Schönheit - in Form von Poesie, Wahrheiten und Lebenserfahrung - und bodenloser Traurigkeit - in Form von leider zu wahren Tatsachen und Begebenheiten - schwankt. Beides ist umhüllt von einer ganz besonderen Intensität, welche Bettina Belitz alleine mit dem Werkzeug der Worte erschafft. Selten habe ich solch ein eindringliches und mitreißendes Buch gelesen, indem jeder Satz entweder ins Herz schneidet, die Tränendrüsen anzapft oder ein Fass der Freude öffnet. Schreiben können viele Menschen, doch daraus ein so komplexes und lebendig erscheinendes Inhaltskonstrukt zu bilden, gelingt den wenigsten. Vielschichtigkeit und emotionale Abgründe Inhaltlich hat Bettina Belitz aus einer zunächst unspektakulären Begebenheit eine unaushaltbare Wendung geformt, deren Hintergründe, Einzelheiten und Zusammenhänge es um jeden Preis zu erforschen galt. „Linna singt“ nahm mich mit auf eine Achterbahnfahrt der höchsten Gefühle, emotionaler Abgründe, todesssehnsüchtigen Gedanken und moralfreien Räume. Die Vielschichtigkeit entsteht dabei durch den Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart. Als Leserin wurde ich unwissend in eine Geschichte geworfen, die im Prinzip schon vorher stattgefunden haben könnte, sich in „Linna singt“ aber durch Rückblicke der Protagonistin oder zurückliegende Erzählungen erklärt. Man erforscht also gemeinsam mit den Figuren eine Vergangenheit, die sie (die Figuren) selbst noch nicht verstehen. Musik und Kopfkino vom Feinsten "Linna singt" ohne Schutzumschlag! Verschiedene Songs spielen in diesem Roman eine große Rolle und verlieren nie den Bezug zum Oberthema. Vielmehr scheinen sie die einzelnen Elemente noch näher aneinander zu schmieden. Die Musik ist eine Brücke zwischen den einzelnen Personen, schafft gleichzeitig ebenfalls Nähe zwischen den LeserInnen und dem geschriebenen Wort und vervollständigt das melancholisch Schöne, das Bettina Belitz in diesem Werk auferstehen lässt. Bettina Belitz sieht von Klischees und Typisierungen ab, konkretisiert Tabus und beschreibt tiefgründig den Kampf mehrerer Individuuen, die gefangen zwischen ihren Sehnsüchten und dem, was sie glauben, dass die Gesellschaft es will, schwanken. Mein endgültiges Urteil: „Linna singt“ erzählt von der Zerbrechlichkeit der Menschen, von den Problemen, die ein jeder mit sich herumträgt und von den Abgründen, zu denen es manche treibt. Bettina Belitz‘ Werk ist eine brillante Geschichte über Freundschaft, in deren Zentrum die Protagonistin Linna steht und singt, die verwoben mit der Musik, mehr als nur sich selbst überwinden muss, um zu einer wichtigen Erkenntnis zu gelangen. Spannend, düster, unvorhergesehen und weltklasse hat sich Bettina Belitz einmal mehr in mein Herz geschrieben! Deswegen ist dies mehr als eine Weiterempfehlung. „Linna singt“ ist ein absolutes Muss und eine Lektüre, die so weh, wie gut getan hat und unaufhörlich mit hin- und hergerissenen Gefühlen spielt. Manchmal ist die Schreckensherrschaft aus der Ferne erbarmungsloser als die in nächster Nähe. Denn sie lässt so unendlich viel Raum für Unausgesprochenes, ein unsichtbares Gespinst aus Vorwürfen und Schuldzuweisungen. […] Es hört nie auf. S. 280

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