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drwarthrop

Posted on 27.9.2019

Romy Leslie Hall oder auch 'Insassin W314159' sitzt nicht nur eine, sondern direkt zwei lebenslange Haftstrafen in einem staatlichen Frauengefängnis der USA ab, in das sie zu Anfang gebracht wird. Von den unhaltbaren Zuständen auf der Fahrt geht es direkt in den Vollzug, der in etwa so reglementiert ist wie ein Zoo: die Insassinnen werden sich selbst überlassen, das Recht der Starken obsiegt. Lediglich für Arbeiten unterhalb jeglicher preislicher Morallinie und unter obligatorischen Zwängen "dürfen" die Insassinnen die bekannten und gefürchteten Räumlichkeiten verlassen. Jedwede Art der Würde oder Humanisierung wird vom herrschenden System und in dem Fall den ausführenden (zu Sadismus neigenden) Wärtern sofort eingezogen und archiviert. Selbst kleine Freuden des Alltags, wie Duschgel oder Haarbürsten werden zum Luxusartikel, da diese streng verboten sind. Romy hat, wie viele Insassinnen zusätzlich das Problem, dass ihr Sohn nun in der Obhut der Großmutter ist und außerhalb ihrer mütterlichen Fürsorge und Liebe. Schlimmer kommt es dann, als Romy mitgeteilt bekommt, dass ihre Mutter bei einem Unfall gestorben ist und ihr Sohn ins Waisenhaus verfrachtet wurde, ohne die Chance auf weitere Auskünfte. Hinter diesem etwas ungriffigen Titel versteckt sich eine einmalig brillante, einfühlsame und charmante Geschichte, die gerade in Hinblick auf Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten innerhalb des Rechtsystems Amerikas immer präsent bleibt, als auch deutliche Spuren beim Leser zu hinterlassen vermag. Das liegt zum einen an der verspielten und etwas obszönen Diktion der Protagonistin, die gerade im stressigen und aggressiven Umfeld des Gefängnisses ihre Wirkung durch ruhige und gefasste Erzählung ausladend entfaltet und zum anderen an den spleenigen Leuten, die das neues Umfeld ausmachen. Diese zusammengewürfelte Gemeinschaft verschiedenster Charaktere vermittelt ein ambivalentes und zugleich verständnisvolles Bild persönlicher Schicksale, als auch der Frage nach Schuld und Sühne. Unterstützt durch luzide Ausbrüche in die Retrospektive, als auch mögliche Zukunftsszenarien bricht Romy wieder und wieder aus dem physischen Gefängnis aus, um wenigstens kognitiv Frieden zu suchen. Dabei treten sowohl mitreißend traurige, sowie humoristische Elemente auf, wodurch die Schwere der Thematik teilweise torpediert wird. Ungeschminkt präsentiert Rachel Kuschner die brutale, klebrige und ekelige Wahrheit des fragilen Menschen in der erdrückenden Umarmung moderner Gesellschaften, sowie deren Auswirkungen auf die, die dem Druck nicht standhalten konnten. Eine fragile Trennwand, die sonst "normal" und "böse" von einander trennt existiert hier erst gar nicht, wodurch etablierte Vorurteile keinen Spielraum haben, um Wurzeln zu schlagen und somit den Leser direkt angehen. Sonst im Schatten liegende Aspekte, wie die geistigen Labilität in einem so unterrückenden System oder der Umgang mit der eigenen Schuld werden grell ausgeleuchtet. Dabei setzt Kuschner jedoch zu keiner Zeit auf eine schulmeisterliche Weise den Leser zurecht zu weisen, sondern entfaltet in der absoluten Aussage der Narrative seine flamboyante, passende Wirkung. Zudem vermittelt 'Ich bin ein Schicksal' wie kein zweites Werk die Schwierigkeit in einer Welt, die einen ständig nur spukt, tritt und schlägt lebensfroh zu bleiben und den Widrigkeiten zu trotzen. Luzide Sprachgewalt, gepaart mit einer direkten, einträglichen Narrative und spleenigen Charakteren., sowie einer grandiosen Darstellung inhumaner Gerechtigkeitsformen, sowie deren niederschmetternden Effekten. Für Freunde etwas dunklerer Natur durchaus geeignet; alle anderen lesen lieber was anderes.

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