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rumblebee

Posted on 3.2.2019

Poetischer Bilderbogen Dass man von Hiromi Kawakami keinen geradlinigen Roman erwarten durfte, war mir schon von vornherein klar. Und doch – obwohl es sich hier, bei „Herrn Nishino“, eher um zehn Kurzgeschichten handelte denn einen Roman, habe ich das Buch als stimmiger und als menschlich zugänglicher empfunden als manches ihrer vorigen Werke. Kawakami bedient sich generell eher einer experimentellen Schreibweise, bei der viel Symbolhaltiges und Traumnebelhaftes verwendet wird. Das ist auch bei „Nishino“ nicht ganz verschwunden; doch scheint sie in diesem Mittelding zwischen Anthologie und Roman zu ihrer optimalen Form gefunden zu haben. Es handelt sich um zehn Mosaikstücke, von verschiedenen Frauen aus dem Leben Nishinos erzählt. Sie alle schildern Nishino aus ihrer Sicht. Dabei sind die Erzählhaltungen durchaus unterschiedlich; die jobbende Studentin hat schlicht einen anderen Ton als die Hausfrau im gesetzteren Alter. Immer haben sie Nishino zunächst wie beiläufig kennengelernt, haben dann irgendwann ihr Herz für ihn entdeckt, bevor sie an seiner Unzugänglichkeit scheiterten. Die Chronologie ist dabei aufgebrochen: Es beginnt – kurioserweise – mit einer Episode vom Lebensende Nishinos; geht dann über seine Kindheit (Schulzeit, 8. Klasse) und seine mittleren Jahre, über sein – relatives – Alter von 50 Jahren wieder zu seinem Tod. Die Partnerinnen von Nishino sind dabei mindestens ebenso seltsam wie er selbst. Ein junges Mädchen vergräbt Erinnerungsstücke auf einem leeren Brachfeld; eine andere schläft auf dem Fußboden neben dem Kühlschrank; wiederum eine andere ist selber eher nymphoman veranlagt. Und auch die Bedeutung der Episoden liegt nicht immer in der Schilderung der eigentlichen Beziehung zu Nishino. Es sind eher die abwegigen Details, die Wichtiges verraten. Alle Episoden sind eher assoziativ miteinander verknüpft. Es sind Dinge wie ein Frosch, ein Goldfisch, Telefonanrufe, Namen, oder Lokale, die motivisch in den einzelnen Geschichten wiederkehren. Die Technik ist nicht ganz unähnlich Julian Barnes‘ „Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“. Oder Daniel Kehlmanns „Ruhm“. Ich persönlich war von dieser schwebenden und doch tiefgründigen Schreibweise schlicht hingerissen! Nach jeder Geschichte konnte man, wenn man wollte, pausieren, und sich seine Gedanken zu Nishino machen. Wie viele Facetten „Liebe“ doch hat: Freundschaft, Bekanntschaft, Sex, häufige Telefonate, Mitteilsamkeit, gemeinsame Depression, Suche nach Sinn. Dabei wird klar, dass noch längst nicht dasselbe gemeint ist, wenn zwei Personen von „Liebe“ sprechen. Über Nishino konnte man sich als Frau sicherlich aufregen. Doch steht er hier eher für eine Haltung, eine Strömung der Zeit. Und ganz am Ende steht vielleicht die – sehr japanische – Einsicht, dass im Fragmentarischen mehr Wahrheit zu finden ist als im Epos.

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