
gwyn
«Echte Patienten sind viel deprimierender als Film- oder TV-Patienten. Im Unterschied zum turbulenten TV-Krankenhaus-Alltag passiert im wirklichen Krankenhaus nie etwas, keine geilen Ärzte, keine verrückten Besucher, keine Liebesabenteuer, keine Überraschungen, nichts, nur Vitalwerte, Suppe und Langeweile.» Dieser Roman ist Heinz Strunks Hommage an Thomas Manns «Zauberberg»: Der Protagonist, Jonas Heidbrink, ein Erfolgsmensch, ein IT-Entwickler. Schon vor dem Dreißigsten hat er sein Start-up versilbert; arbeiten muss er sein Leben lang nicht mehr. Er fühlt sich derzeit schlecht, Langeweile und Lustlosigkeit überfällt ihn, Angst vor der Zukunft, Angst vorm Älterwerden und allem Weltschmerz. Und so begibt er sich eines kalten Januartages in die mecklenburgische Einöde einer Sumpflandschaft, checkt für 30 Tage (dabei wird es nicht bleiben) in ein Sanatorium ein. Nobel, aber eben doch: Klinik, für Menschen mit dem einen oder anderen Knacks. «Uwe aus Dormagen, dick, triefäugig. Sein Körper hat Ähnlichkeit mit einer Kirchenglocke. Einer der phlegmatischen, leicht unterbelichtet wirkenden, geschlechtslos-onkelhaften Männer, die, weil sie so harmlos sind, als sympathisch durchgehen.» Heidenbrink betrachtet sich im Rückspiegel seines Autos: «Ein Pseudointellektueller, Kindergreis, Woody Allen junior, fahl, käsig, kränklich, die Augen rot und verschwommen.» 823 Euro täglich als Selbstzahler, kein Problem für ihn – vier Wochen sind vorgesehen – aus denen schließlich ein Jahr wird. Schnell ist Heidbrink in das Korsett von Visiten und Anwendungen eingepackt, Musik-, Gesprächs-, Schreib-, Foto, Tanz-, Biblio-, Bewegungstherapie, progressive Muskelrelaxation … Die Leute hier betrachtet er distanziert, nicht seine Welt. Aber er muss er sich entscheiden, ob er im Speisesaal seiner Misanthropie folgen oder Anschluss finden will. Essen ist ein gutes Thema. Heidbrink beobachtet die Menschen beim Essen: «Sein dicker Schildkrötenhals vibriert, als würgte er Fische aus.», letztendlich gruselt es einem bei jeder Beschreibung – eben Strunk. Die Menschen hier, Arzte, Schwestern, Patienten, sind ihm zunächst fremd, doch bald sind sie seine Welt. Marcel Rinkhaus, den Heidbrink als Platzhirsch bezeichnet, Heinz-Christian, «erfolgreicher Unternehmer in der Krise», Pia und Eddy, die ein Liebespaar werden, «Veronika könnte geradewegs aus Woodstock hergebeamt worden sein. Ein spargeliges, friedlich-freundlich-vegan-vegetarisches Geschöpf». Und mit dem bemitleidenswerten Kettenraucher und Alkoholiker Klaus entwickelt sich so etwas wie Freundschaft. Heidbrink kümmert sich aus Mitgefühl ein wenig um die verlorene Seele, und zieht gleichzeitig eigenen Nutzen, für etwas Sinnvolles gebraucht zu werden. Heidbrink beobachtet und protokolliert sehr tiefgehend, liebevoll auf die typisch sarkastische strunksche Weise. Herrlich die Beschreibung der gruppentherapeutischen Sitzungen! «Keine verrückten Besucher, keine Liebesabenteuer, keine Überraschungen, nichts, nur Vitalwerte, Suppe und Langeweile. Nach dem Essen nimmt er eine Schmerztablette und legt sich aufs Bett. Dann liegt er da wie von einem Bestatter hergerichtet, die Arme dicht am Körper.» Die Klinik scheint wirtschaftlich nicht rundzulaufen. Ein Nebengebäude wird geschlossen, das Personal entlassen, es geht das Gerücht um, es werde jetzt nur noch Convenience in der Mikrowelle aufgewärmt. Alle haben das gleiche Problem, Altern, Verfall, das Angesicht des Todes, der da irgendwo lauert, trotz all er Kohle auf dem Konto. Und so reiht sich ein Monat an den anderen - bis es in den Sümpfen zu einem rätselhaften Unglücksfall kommt. Strunks Beschreibungen machen wie immer richtig Spaß: ein Gesicht, das aussieht «wie eine vertrocknete, überreife Paprika», oder jemand hat den «modrigen Opageruch nach Nikotin, Staub und verkleckertem Essen», «Schröders Stimme ist sehr klar und irgendwie perkussiv, die einzelnen Silben wie Bohnen, die in einem Gefäß klötern.». Wie immer Kopfkino pur. Ein Gesellschaftsroman, der dieses Mal nicht richtig rund durchläuft, sich hin und wieder durch das Buch stottert. Unterhaltsame Passagen, grandiose Textabschnitte, dazwischen wieder Langeweile. Und wie kam Strunk zu dieser Idee? «Der Einfall kam mir vor etwa sieben Jahren und landete zunächst in meiner Ideensammlung. Aber je öfter ich an die Idee dachte, desto besser gefiel sie mir. Als ein Freund mir dann sagte, dass der Mann’sche Zauberberg 2024 sein hundertstes Jubiläum feiert, war klar: Die Gelegenheit darf ich mir nicht durch die Lappen gehen lassen, so eine Chance bekommt man in einem Autorenleben nur einmal. Die angehängte 2, noch dazu in der Schrifttype der ‹Terminator›-Filme, war eigentlich gar nicht provokativ gemeint, aber wenn sich irgendwelche Spießer darüber aufregen, umso schöner. Bücher wie Filme, die in einem klar umrissenen Setting spielen, fand ich schon immer reizvoll. Und in diesem Fall konnte ich mein Knowhow, was seelische Verwerfungen betrifft, voll ausspielen, indem ich aus dem Sanatorium eine Fachklinik für psychische und psychosomatische Beschwerden machte. Wenn es etwas gibt, womit ich mich auskenne, dann damit. Lebensziel ist und bleibt Nobelpreis für Literatur und Oscar als bester Hauptdarsteller. Ob das klappt, sei mal dahingestellt, aber es gilt: Gib niemals deine Träume auf, sonst werden deine Träume dich aufgeben. Oder: das kalte Wasser wird nicht wärmer, wenn du später springst. Oder: Pessimisten stehen im Regen, Optimisten duschen unter den Wolken.» Ich bin ein absoluter Strunkfan seit dem ersten Buch, und ich war gespannt. Meiner Meinung nach ist das hier ist das schwächste Buch, das er je geschrieben hat. Ein moderner Zauberberg? Weit gefehlt. Neben den tragischen Geschichten der Menschen im Sanatorium hatte Thomas Manns (der übrigens nicht unbedingt zu meinen Leibeslesespeisen gehört) Zauberberg etwas Politisches. Er hat die kriselnde Zeitgeschichte eingefangen – Genausoetwas passiert heute, Explosion liegt in der Luft. Das wäre eine Chance gewesen. Aber Strunk war nie politisch. Immerhin bleibt er sich hierin treu, der Roman ist durch und durch ein Strunk, eine bitterböse Tragikomödie. Thomas Manns Zauberberg muss man nicht kennen. Hätte dieser Zusammenhang nicht bereits durch den Titel bestanden, so wäre ich nicht drauf gekommen, denn ein Remake ist es nicht. Strunk wird immer unter Humor verkauft – Humor ist etwas Plattes. Strunk schreibt bissige, intelligente Satire, die dem Leben und der Gesellschaft auf den Pelz rückt. Fein beobachtend, so auch dieser Roman angelegt, ein gutes Buch, aber nicht das Beste, das Strunks Feder entsprungen ist. Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Bevensen geboren als Mathias Halfpape. Seit seinem ersten Roman «Fleisch ist mein Gemüse» hat er 14 weitere Bücher veröffentlicht. «Der goldene Handschuh» stand monatelang auf der Bestsellerliste; die Verfilmung durch Fatih Akin lief im Wettbewerb der Berlinale. 2016 wurde der Autor mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis geehrt. Seine Romane «Es ist immer so schön mit dir» und Ein «Sommer in Niendorf» waren für den Deutschen Buchpreis nominiert.