
wandanoir
Kurzmeinung: Ich werde mehr und mehr in die eigentlich unspektakuläre Handlung hinein gezogen. Unerwartete Wendungen tun das ihre. Eine Aufsteigergeschichte in New York Eve und Katey sind eng befreundet. Sie tingeln in den 30 Jahren in New York durch die angesagten Bars, sie hängen ab, wie man heute sagt. Nach des Tages Mühe wollen sie Spaß haben. Bedeutet: Alkohol, Flirt (mit Aussicht auf mehr) und Musik. Und Mode. Beide schielen auf die High Society. Dort wollen sie hin, möglichst schnell, selber gehören sie zur Arbeiterklasse, die sich gerade anschickt, den sozialen Aufstieg zu meistern. Katey arbeitet als Tippse in einer Anwaltskanzlei - was Eve macht, bleibt unklar. In der Wahl ihrer Mittel sind die beiden nicht zimperlich. Schließlich machen die beiden jungen Frauen tatsächlich die Bekanntschaft eines vielversprechenden jungen Mannes, von dem sie aufgrund seines Auftretens annehmen, dass er einer von denen ist, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren werden. Das stimmt und es stimmt dann doch ganz und gar nicht. Trotzdem ist Tinker Grey für beide Frauen ein Türöffner. Der Kommentar und der Leseeindruck Es dauert ziemlich lange bis ich mich für diesen Roman so richtig erwämen kann. Das liegt zum einen daran, dass mich die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nur peripher interessieren. Zum anderen konzentriert sich der Roman auf Beziehungskram! Aber letztlich, erkenne ich, ist „Rules of Civility“ ein Aufsteigerroman. Aufsteigerromane mag ich! Die Freundinnen Eve Ross und Katey Kontent pendeln zwischen dem Image eines It-Girls und dem Bild der liberalen, selbständig für sich sorgen könnenden modernen Frau hin und her. Die Tändeleien des Dreiergespanns, Eve, Katey und Tinker nehmen wirklich einen großen Raum ein. Die Frauen werden als Gegensatzpaar konstruiert. Eve ist das schwarze Schaf, schön, risikofreudig, schillernd und unberechenbar, aber berechnend. Sie ist auf ihre Weise taff, und erstaunlicherweise nicht korrumpierbar. Katey ist bodenständiger. Sie muss sich entscheiden, was sie will. Setzt sie auf die Männer der HighSociety und schnappt nach einem Ring am Finger, was ihr mit Hilfe ihrer langen Beine ohne Weiteres gelingen würde, oder will sie sich in der Geschäftswelt behaupten: zum Glück bekommt sie eine echte Chance. Ein Hurra auf Amerika! Freilich gehen auch viele unter! Das ist aber nicht das Thema von Amor Towles. Während vordergründig Beziehungen beleuchtet werden, spielen hintergründig dezent die Dreißiger Jahre ihren Sound. Jazz und High Society. Durch die Augen von Katey Kontent, die sozusagen auf der Türschwelle steht und auf die feine Gesellschaft blickt, beleuchtet Amor Towles die High Society der 30er Jahre in New York, eine subtile Gesellschaftskritik: auch bei den Reichen ist nicht alles Gold, was glänzt. Manche sind selbstherrlich, andere rücksichtslos, ihre Spielregeln schwer durchschaubar. Sie sind scheinheilig. Und mancher Jüngling ist naiv heroisch und zieht in den Krieg. Ameikaner haben was übrig für heroisch in den Krieg ziehende Männer - spätestens seit den Sezessionskriegen. Hier kämpft man im Spanischen Bürgerkrieg. Diese Schiene der Romans hätte ausgeleuchteter sein dürfen. Aber Katey, unsere Beobachterin, bekommt mehr nicht mit. Dass die beiden Girls eine Entwicklung durchlaufen, jede für sich Entscheidungen treffen muss, wieviel es ihnen wert ist, dazuzugehören, zum erleuchteten Kreis der Schönen und Reichen: wollen sie die Rules of Civility erlernen, wie Tinker Grey, verbiegen sie sich oder bleiben sie sich treu und wenn ja, was ist der Preis dafür, - dieser innere Konflikt macht den Roman lesenswert. Fazit: Obwohl ich weder Thema noch Personal goutiere, zieht mich der Autor nach und nach in seine Story, so dass ich völlig vergesse, dass ich sie eigentlich nicht mag. Am Ende habe ich sogar vergessen, dass der Roman „ja nur“ aus den spätern 1960ern rückblendet – und ich von Anfang an hätte wissen können, was aus Katey und Tinker wurde. Eine großartige Sogkraft wurde entwickelt. Doch, das ist Kunst. Kategorie: Gesellschaftsroman Verlag: Penguin, 2011 SUB-befreit 2025