
wandanoir
Kurzmeinung: Kenntnisreich. Informationsfülle. Aber didaktisch nicht gut aufbereitet – das sollte man wissen. Eine Bestandaufnahme Wer sich mit den Konflikten im Nahen Osten beschäftigt, kommt nicht umhin, die Kombattanten und die herrschenden Kräfte in deren Ländern kennenzulernen. Das vorliegende mit ca.160 Seiten nicht allzu dicke Bändchen „Die Hisbollah“ mag dazu einen wertvollen Beitrag leisten. Der Autor hat trotz oder auch wegen des Titels sein Augenmerk auf den Libanon gerichtet. Dessen Geschichte wird vorrangig behandelt, denn die Gruppierung der Hisbollah, dort entstanden, hat das Gesicht dieses Staats merklich verändert. Vormals ein kleiner Staat, in dem die Menschen verschiedener Weltreligionen friedlich zusammenlebten und die politischen Kräfteverhältnisse sich nach Proporz (Verhältnis) verteilten. Doch militante islamische Gruppen, AMAL + Hisbollah haben ein Ungleichgewicht geschaffen. Was ist die Hisbollah? Kurz gesagt, eine militante Terrororganisation, der es gelungen ist, auf der politischen Bühne Fuß zu fassen. Bei der libanesischen Bevölkerung (soweit sie schiitisch ist), konnte und kann sie punkten, indem sie soziale Aufgaben übernommen hat, Krankenhäuser baut, Schulen und Kindergärten mit vorrangig religiösem Charakter unterhält. Indoktrinationsstätten! Dabei wird die Organisation finanziell, materiell und ideologisch vom Iran getragenn und beeinflußt, ebenso vom vormaligen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Erklärtes Ziel der Hisbollah ist „die Befreiung" Palästinas und, in ihren Programmen unverschleiert benannt und mit in den Straßen gegrölten Parolen und Aufmärschen, die komplette Ausrottung Israels. Andere Zielsetzungen sind die Auflösung des Verhältniswahlrechts, das heißt nichts anders als die Unterminierung der Gleichberechtigung aller im Land lebenden Gruppierungen, die Errichtung eines Gottesstaats und Einsetzung der Scharia. Zitat: „In ihrem Organ (der Parteizeitung) wurden die Ziele der Hisbollah nach und nach konkretisiert. Oberste Priorität hatte die Befreiung des gesamten von den Israelis besetzten libanesischen Territoriums. Anschließend stand ein weit größeres Vorhaben auf dem Programm: die Vernichtung Israels, selbst wenn sie Jahrzehnte dauern sollte“. Hass auf das „imperialistische“ Ausland, vorrangig die USA ist ebenfalls ein Kennzeichen der Organisation. Der Kommentar und das Leseerlebnis: Kenntnisreich und eloquent ist er, der Autor, keine Frage, aber kein Didakt, kein Pädagoge, kein Lehrer. Man muss an historisch-wissenschaftliche Texte gewöhnt sein, um die Aussagen in aller Klarheit zu extrahieren. Denn obwohl die oben dargelegte Ausrichtung der Hisbollah und ihr Charakter als Terrororganisation im Text steht, und zwar immer wieder, findet der Autor selten so klare Worte wie gerade zitiert; er unterlegt und versteckt seine Botschaft mit und in gewundenen Sätzen, eingewickelt in zahlreiche andere Informationen, zum Beispiel dem Lebensweg von Scheich Raghib Harb. (Gut, nun kennen wir ihn; er ist schon lange tot). Joseph Croitoru setzt in der Textgestaltung auf Komprimierung! Dadurch ist der Text kurz. Das ist der Vorteil. Jedoch ist Komprimierung nicht immer ein Vorteil! Nicht bei einer populärwissenschaftlichen Veröffentlichung! Die einzelnen Sätze sind viel zu vollgestopft mit Informationen, so dass dem Laien eine Konzentration auf das Wesentliche erschwert ist. Im Gegensatz zu anderen Rezensenten finde ich den Text nicht leicht lesbar. Es ist ein nicht umgearbeitetes Paper, wie man es in die einschlägigen Fachjournals zur Publikation unter Kollegen einreicht. Eine tolle Grundlage, aber für die populärwissenschaftliche Veröffentlichung hätte eine Überarbeitung, sprich Vereinfachung und Entzerrung einzelner Sätze gut getan! Man muss eine übersichtliche Gliederung durch entsprechende Kapitelüberschriften freilich zugestehen. Es ist ja kein „dummes Paper“, nur zu verdichtet für den Laien. Wie die Hisbollah entstehen und erstarken konnte, wie die Geschichte des Libanon verlief, das ist alles interessant, erscheint aber ungeordnet. Mit anderen Worten: es gibt viel zu viele Windungen (Bandwurmsätze), zu viele Nebensächlichkeiten, dagegen zu wenig Wertung und Erklärung! Der laienhafte Leser muss zudem nicht unbedingt wissen, wie die Selbstmordattentäter alle geheißen haben, wie viele es gibt und gegeben hat, an welchen Orten, um welche Uhrzeit, welches Attenat stattgefunden hat, wer die jeweilige Operation anordnete oder befehligte, etc. etc.. Wo die Anführer der Hisbollah studiert haben, an welchem Wochentag welche Rede gehalten wurde, interessiert den Laien nur peripher. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, ich will davon nichts wissen (Informationswust), aber die meisten Zahlen und Namen gehören in Fußnoten, um die Aussage eines Satzes übersichtlich zu halten. Fazit: Der Text ist durch die Informationsfülle, die in einzelne Sätze gequetscht wird, viel zu unübersichtlich und deswegen ist der zweifelsfreie Informationsgewinn, den der Autor liefert, schwer zu fassen. Fachtexte müssen heruntergebrochen werden, um eine breite Leserschaft zu gewinnen! Und die Gewinnung einer breiten Leserschaft hätte das Ziel bei einem so wichtigen Sujet sein müssen. Leider habe ich oft den Eindruck, es gehe mehr darum, Fachwissen zur Schau zu stellen und damit zu glänzen, als um Wissensvermittlung. Trotzdem ist die Thematik zu wertvoll, um unter 4 Sterne zu gehen. Zwei Karten und ein üppiger Quellennachweis vervollständigen das Bild. Kategorie: Sachbuch: Naher Osten Verlag: C.H. Beck, 2025