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Wunderschön erzählte Geschichte einer vergessenen Violinvirtuosin Harriet Constables „Melodie der Lagune“ rückt mit der Musikvirtuosin Anna Maria della Pieta Frauen ins Licht, die trotz unfassbaren Talents und Erfolgs im Laufe der Geschichte unsichtbar geworden sind. Den Namen von Anna Marias Lehrer, Antonio Vivaldi, kennt jeder. Anna Marias Name dagegen ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Und das obwohl sie mit ihm und für ihn komponiert hat. Obwohl das Orchester des Waisenhauses, in dem Anna Maria aufwächst, eines der besten europäischen Orchester dieser Zeit gewesen sein muss – dennoch hört man nicht mehr viel davon. Anna Maria wirkt – vor allem am Anfang und der Mitte – nicht immer sympathisch. Dafür aber sehr echt. Sie wächst in einer Welt auf, in der Mädchen nicht geliebt, nicht respektiert oder wertgeschätzt werden. Und als Leser spürt man, wie schwer und beängstigend das für sie ist. Ihre Gefühle und die Gründe für ihr Handeln wurden für mich sehr nachvollziehbar dargestellt. Sie wächst in einer harten, rücksichtslosen Welt auf und kämpft verbissen für sich selbst, weil es sonst niemand tut – dabei ist sie nicht immer nett. Beeindruckend fand ich ihren unbändigen Willen, der sie trotz aller Widrigkeiten antreibt, verstärkt wahrscheinlich teils aus Angst und teils aus Liebe zur Musik. Gerade hier ist es schön zu sehen, wie sie sich – gerade zum Ende des Romans hin – mit dem Erwachsenwerden verändert und auch innerlich wächst. Neben der Sicht von Anna Maria, aus der überwiegend erzählt wird, kommen vereinzelt auch andere Perspektiven zum Tragen, die die Erzählung abrunden. Sehr schön wurde auch Anna Marias Beziehung zu Musik beschrieben – so lebendig und anschaulich, dass man auch als Nicht-Musiker fasziniert ist. Und auch von der Stadt, Venedig, und den Zuständen im Waisenhaus wurde ein lebhaftes Bild gemalt. Und zu guter Letzt hat mir auch das Ende sehr gefallen – es ist hoffnungsfroh und zugleich so echt und realistisch wie es unter diesen Umständen sein konnte.