buchfan
Dieser Roman hat eine Kraft, die mich staunen lässt. Die Lebensgeschichte von Mimo Vitaliani und Viola Orsini ist so berührend erzählt, dass ich nach der Lektüre erst einmal innehalten muss. Mimo, in Armut geboren, kleinwüchsig, aber mit einem unglaublichen Talent gesegnet, wird zu einem der begehrtesten Bildhauer Italiens. Sein Weg vom Hilfsarbeiter, der Schlägen und Pöbeleien ausgesetzt ist, zu einem Künstler, der von Kirche und Politik umschwärmt wird, ist hart, oft grausam und voller Steine. Die Beschreibung der Wanderjahre in Florenz, von der Handwerksbank über die Kneipen und Spelunken der Stadt ist sehr bildhaft. Einige Jahre verdingt er sich als Zwergendarsteller in einem Zirkus, bis eine Laune des Schicksals oder auch politische Fäden ihn auf die Überholspur katapultieren. Viola, eine Frau, die nicht in die Zeit passt - unangepasst, überaus intelligent, neugierig und mutig. Sie träumt vom Fliegen und muss sich doch den Konventionen ihrer Zeit beugen. Immer wieder verlieren und begegnen sich die beiden wieder. Ihre Freundschaft ist wie ein Band - mal eng und anschmiegsam, mal wie ein dünner Faden, mal zum Zerreißen gespannt. Der Roman ist auch eine Zeitreise durch das Italien von 1900 bis in die 80er Jahre. Ein sattes, langes, volles Leben voll Entbehrungen und Kämpfen, aber auch tiefer Gefühle. Dabei ist die Geschichte an keiner Stelle trivial oder rutscht ins Schnulzige ab. Der Ton ist bei aller geschilderten Härte zart und elegant. Die Charaktere sind ungemein gut eingefangen. Auch Violas Brüder, die Zwillinge im Dorf, die Wegbegleiter Mimos - jeder hat seinen Platz und ist an genau der richtigen Stelle. Die ersten Seiten brauchte ich etwas, um mich in das raue Leben in Italien zu Beginn des 20. Jahrhunderts einzufinden, aber spätestens als Viola das erste Mal auftritt, ist es um mich geschehen. Ein wirklich berührender, eindrucksvoller Roman, den ich noch sehr lange in meinem Herzen tragen werde. Absolute Leseempfehlung.