
Daggy
Die Autorin erzählt in dem über 500 Seiten starken Werk von der Geschichte ihrer Großtante, die in den 1920 und 30er Jahren in Berlin gelebt hat. Zunächst lernen wir Anja, die in Hamburg wohnt und in Bremen arbeitet, kennen. Sie muss die Wohnung ihrer 94jährigen Mutter in Charlottenburg auflösen, weil die Mutter jetzt in einem Hamburger Senioren-Heim lebt. Ihre Tochter Lena unterstützt sie dabei und beide stoßen beim Räumen der Wohnung immer wieder auf Dinge, die ihnen zu denken geben. Elisabeth erzählt zunächst von ihrer Tante Clara, die Schwester ihrer Mutter. Clara hat als junges Mädchen bei einer großen Berliner Brauerei die Flaschen gespült, eine körperlich anstrengende Arbeit, die zudem schlecht bezahlt wurde. Wir lernen ihre Kolleginnen und den gewalttätigen Vorarbeiter Pahlke kennen. Da Clara ein gutes Händchen für Hunde hat, kümmert sich zunächst um den Hund des Juniorchefs und eröffnet später einen Hundesalon. Sie lernt den russischen Flüchtling und Kommunisten Aleksei kennen, der sie und ihre Familie später in Gefahr bringen wird. Die politische Situation bringt immer wieder Vergleiche zur Gegenwart, so erleben Anja und auch Lena den Antisemitismus, der nach dem 7. Oktober in unserem Land aufkeimt. Es braucht sehr lange, bis Elisabeth die sie so belastende Wahrheit erzählt, gelichzeitig müssen sich Anja und Lena entscheiden, wie ihr Lebensweg weiterverlaufen soll. Die drei noch lebenden Frauen aus drei Generationen und Clara, die einer vorherigen Generation angehörte, haben die unterschiedlichen Probleme zu bewältigen. Es beginnt mit der Armut der Nachkriegszeit in den 1920er Jahren, führt kurz in die Nazizeit vor dem Krieg, streift kurz das Ende des Krieges und setzt dann ganz aktuell in 2024 wieder ein. Dadurch gibt es erschreckende Parallelen, die nach 100 Jahren wieder dasselbe beängstigende Gefühl aufkommen lässt. Deshalb empfinde ich das Buch als Aufforderung diesmal wachsamer zu sein und den Faschismus nicht wieder an die Macht kommen zu lassen. Das Schicksal von Clara, dass ja nur Häppchen weise von Elisabeth erzählt wurde, ist sicher der spannendste Teil des Buches. Keine der Frauenfiguren waren mir wirklich nah, am bedrückendsten empfand ich die jetzige Situation in den Universitäten, die mir nicht so bewusst war. Es ist ja auch selten, dass ein Buch fast bis ins Heute (Dezember 24) erzählt wird.