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Das Buch beginnt nach der Machtergreifung. Es ist unterteilt in drei Abschnitte, deren Überschriften die Jahreszahlen 1935, 1940 und 1945 tragen. Schauplatz ist Ginsterburg, eine fiktive kleine Stadt irgendwo in Deutschland, die so beschaulich ist, wie es auf dem Cover scheint, wenn man sich die nahenden dunklen Wolken wegdenkt. Doch die Wirklichkeit lässt sich nicht wegdenken und so, wie sich die Wolken nähern, so verändern sich auch die Menschen in Ginsterburg. Lothar, einer der Hauptprotagonisten, ist 1935 noch ein Kind. Er liebt die Natur, er geht angeln, scheut sich allerdings, einen Fisch zu töten. Er sammelt Schmetterlinge und träumt davon, selbst einmal zu fliegen. Dass er in die Fänge der Hitlerjugend gerät, sieht seine Mutter mit Sorge. Der Autor Arno Frank lässt nichts aus. Alles, was die Zeit ausmacht, findet man in Ginsterburg. Da lernt man Menschen kennen, die keine Hemmungen haben, wenn es darum geht, auf der Erfolgsleiter nach oben zu klettern. Hier wohnen Menschen, die Angst haben, weil sie jüdischer Abstammung sind, weil es den § 175 gibt, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt, weil es in der Familie einen Menschen mit Behinderungen gibt… Das alles macht mich betroffen. Dennoch sind mir die Menschen in der Geschichte persönlich nicht nahe gekommen. Es ist eher so, als würde ich aus weiter Entfernung zusehen. Aber Arno Frank schafft es, ein genaues Bild zu spiegeln von allem, was die Zeit ausgemacht hat: wie die Menschen sich entwickeln oder einige sich total verändern, wie schnell sich manche einfach den Gegebenheiten anpassen und andere versuchen, für sich das Beste herauszupicken und wieder andere am liebsten unsichtbar wären. Der Schreibstil macht es mir nicht einfach, das Buch zu lesen. Ich muss mich sehr konzentrieren, um folgen zu können. Das mag entweder an der großen Zahl der beteiligten Personen liegen oder an der Länge der Sätze, die manchmal nur drei Wörter haben, aber auch schon mal über eine halbe Seite gehen. Aber es ist ein Buch, das mich nachdenklich werden lässt, weil ich beim Lesen immer wieder abgleite und in der Gegenwart lande. Ich hätte mir einen Anhang oder ein Nachwort gewünscht, dem ich hätte entnehmen können, welche Personen fiktiv waren und welche wirklich gelebt haben. So hat es beispielsweise einen Piloten namens Lothar Sieber tatsächlich gegeben, aber war er identisch mit dem Lothar aus der Geschichte? Ich gebe auf jeden Fall meine Empfehlung zum Lesen dieser Geschichte, die deutlich macht, was geschieht, wenn ich den falschen Menschen vertraue oder folge.