
Marcus Jordan
Selbst ich mit meiner sehr beschränkten, internationalen Belesenheit, sehe, dass Literatur, sowie Musik, in den verschiedenen Regionen der Welt eine spezifische Melodie hat. Man hört den europäischen Autor und die US amerikanische Autorin, so wie man Südamerika, Asien, Afrika und alles andere hört. Man muss noch nicht mal zwei Bücher aus einer Region gelesen haben, schon beim ersten nimmt man etwas Besonderes, Unbekanntes wahr und erkennt es als die charakteristische Melodie oder Tonalität des jeweiligen Teils der Welt. Wahrscheinlich wenn man mehr liest, kann man Regionen immer kleinteiliger unterscheiden. Bei Musik ist es so - ich kann inzwischen ganz gut sagen, ob ein Stück west- oder südafrikanisch ist zum Beispiel. Wenn ich genug lese, werde ich als irgendwann Autor'innen aus Mitte von Charlottenburgern unterscheiden können und dann werde ich bei "wetten das" antreten damit. Ich habe schon mehr als zwei Bücher gelesen aus dem arabischen und persischen Raum und meine schon öfter erlebt zu haben, dass der oder die Autor'in gleich zu Beginn hart spoilert. Und dass das aber unproblematisch ist. Was ein schönes Indiz ist für die völlige Andersartigkeit dieser Literatur - es geht nicht so um das Ergebnis oder um die Auflösung. Nichts mit Spannungsaufbau und Krise und Lösung und so. Es geht irgendwie um jede Seite gleich, um die Stimmung, um das Ganze als Paket. Ich mag das sehr. Es ist so beiläufig spannend, es lässt enorm viel Raum für den eigenen Kopf. Es ist funky würde man in der musikalischen Analogie vielleicht sagen. Eine Revolutionsgeschichte. Im Moment, als die letze Phase der so unsäglich traurigen Terrorherrschaft dieser so unsäglich entmenschlichten Mörderbande begann. Ich mag den Namen gar nicht schreiben, vielleicht sollte man ihn überhaupt tilgen (vielleicht sollte man die Namen der Täter generell verweigern, sie immer umschreiben oder ihnen ein allgemein bekanntes Schimpfwort zuordnen? In "Kreisen" hat sich für Elon Musk gerade der Name "Space Karen" etabliert...). Eine gute Geschichte - glaubhaft, eigentlich ganz schlicht und sie wäre schnell erzählt, wenn nicht ein Syrer sie erzählte. So reihen sich die erstaunlich analytischen, detailverliebten und tiefen Betrachtungen aller Protagonisten aneinander und kehren eigentlich nur so ab und an zum eigentlichen Plot zurück. Es entsteht ein weit verzweigtes, durchaus erschlagendes Ornament aus Lebensgeschichte, aus Motivationen und Zusammenhängen. Es hängt alles zusammen, alles ist mit allen verbunden. Nie ist es unscharf oder gefühlsduslig, jedes Detail des Ornaments ist ganz klar. Psychologische Betrachtung vorgetragen wie ein nachträgliches Skript. Nachvollziehbar, furchtbar, unausweichlich. Geschichten zu den Menschen, die dann eben auch zu uns gekommen sind. Aus dieser Welt sind sie gekommen. Aus diesem urmenschlichen, verschworenen, multidimensionalen Netz, das die Mörder so lange, so effektiv nutzen konnten für den permanenten Transport von Angst in jede Ecke. Auf jedem Platz hier will man es vorlesen - hört ihr, seht ihr? Lamis und Dschawad. Das sind die Menschen, die zu euch geflohen sind. Ich mag es sehr, wie der Autor Liebe beschreibt, wie sie entsteht, wie gerade die Frauen wirken. das hat was sehr seriöses und etwas altmodisches an sich. Irgendwie fast wie Minnegesang oder so was. Und ja - es ist alles auch sagenhaft fremd und erschreckt mich auch. Und ich versteh es nicht. Diese Enge der totalen Zuständigkeit von Familie. Himmel will man das nicht, wenn man ich ist! Es ist verstörend mitzulesen, wie unangefochten diese uralten Unterwerfungsprinzipien sind, wo sie doch so höchst offensichtlich keine Sieger kennen. Die vermeintlichen Sieger, also manche Männer, erscheinen auch immer als Bedrängte und Unfreie. Und in dem Moment, wo sie sich nicht oder nicht mehr zum Täter eignen, werden sie auch zum Opfer.