
Buchdoktor
Kristin Valla beschloss nach einer Phase als freie Journalistin eine neue Zeitrechnung zu beginnen, als während ihres Interviews mit John Irving der prominente Autor sich über den Kopf der Journalistin und Autorin hinweg mit einem ergebenen Fan unterhielt und Valla ignorierte. Ihr wurde in dem Moment bewusst, dass sie sich selbst nicht als Autorin sah, obwohl sie bereits Romane veröffentlicht und in den vergangenen 10 Jahren nach der Geburt ihrer Kinder ständig geschrieben hatte. Mit dem Gedanken, dass sich in Oslo ihr Wunsch nach Stille und eine Familie offenbar nicht vereinbaren lassen, suchte sie im südlichen Frankreich nach einem Haus. Die Realität zeigt sich schließlich ernüchternd: ohne feste Anstellung ist sie nicht kreditwürdig und ihr Mann muss für sie bürgen, die Verkehrsverbindung in ihr zukünftiges Dorf ist katastrophal und von Häusern mit mittelalterlichen Steinmauern hat sie keine Ahnung. Im Wechsel zwischen eigener Immobiliensuche und Renovierung durch die Icherzählerin mit den Erlebnissen bekannter Autorinnen auf Suche nach einem Rückzugsort entsteht eine Kulturgeschichte weiblichen Schreibens von erstaunlichem Umfang. Wir hören von Toni Morrisons Leben auf einem Hausboot, über Patricia Highsmith, die jede neue Beziehung mit einem Immobilienkauf einleitete, von Sissinghurst und Manderley, bis zu Agatha Christie, die bereits als Kind mit ihrem Puppenhaus in einem Schrank die Basis ihrer späteren Romane anlegte und vermutlich den Rekord hält an Immobilienbesitz in Autorenhand. Verblüffend fand ich Vallas Fazit, dass seit dem 19. Jahrhundert alle später erfolgreichen Autorinnen bereits als Kind ein eigenes Zimmer hatten und damit überhaupt erst den Anspruch auf Ruhe entwickeln konnten. Die erstaunlich umfangreiche Zusammenstellung von Autorinnen, die über ihre Arbeitsbedingungen in der Familie und ihre Suche nach einem passenden entlegenen Häuschen schrieben, regt an, sich mit deren Werken zu befassen – oder beim Lesen zu raten, von welcher Schriftstellerin gerade die Rede ist. Herausragend waren für mich der Abschnitt über Tarje Vesaas Frau, die Lyrikerin Halldis, die vermutlich als einzige in Kristin Vallas Auflistung mitten im Bauernhof-Haushalt mit Kindern stoisch weiterschrieb, wie auch die Odyssee von Alice Walker, bis sie endlich die erträumte Stille fand, um „Die Farbe Lila“ zu vollenden. Fazit Das umfangreiche Quellenverzeichnis des flüssig zu lesenden Buchs weckt mein Interesse, autobiografische Texte der genannten Autorinnen zu lesen - aus der Perspektive der Suchenden nach Ruhe.