
Buchdoktor
Einen Blumenstrauß wie ihn der Fremde in Hannas Blumenladen anhand einer Abbildung bestellen möchte, hat die Besitzerin noch nie gesehen. Er besteht aus Blumenarten, die nicht gleichzeitig blühen und die der Künstler Jacob Marrel nicht gleichzeitig als Vorlage genutzt haben kann. Die Namen und Beschreibungen dieser Blumen (aus Hannas Notizbuch als Floristin) leiten die Kapitel in „Schwebende Lasten“ ein und fügen sich zum ebenso ungewöhnlichen Ensemble von vier Schwestern und deren Nachfahren. Als die 1913 geborene Hanna aus Magdeburg als Haushaltshilfe zu ihrer Halbschwester Margarete nach Berlin geschickt wird, demonstriert das bereits, dass sie als Waise zwar von Tante und Onkel aufgezogen wurde, aber nie mehr als eine Arbeitskraft war, die ihren Dank abarbeitete. Doch noch ehe Hanna auf die Idee kommen kann, sich in Berlin eine andere Arbeit zu suchen, wird sie zurück nach „Machdeborch“ gerufen, um zum Totensonntag beim Kranzbinden zu helfen. Rose und Walter stellen sofort klar, dass die begabte Hanna in ihrem Laden keine neuen Berliner Sitten einführen wird – und deren neue „geschäftsschädigende“ Kurzhaarfrisur passt Rose erst recht nicht. In Magdeburg wartet allerdings ihr Verehrer Karl Krause auf Hanna, durch den sie es zu einem bescheidenen eigenen Laden bringen wird, für den Karl die Blumen ausfährt und für den Margarete die Ablöse finanziert. In der Ehe mit Karl lernt Hanna in jeder Hinsicht, stillzuhalten, auch wenn die Zeiten ihr nicht gefallen. In dem von Rose verachteten, bescheidenen Stadtviertel hält sich Hanna zwar mit originellen Ideen gerade so über Wasser; gegen Karls Spiel- und Trinksucht hat sie jedoch keine Chance. Erst an ihrer Schwiegermutter Sibylle, die häufig die Enkelkinder im Eisenbahner-Schrebergarten betreut, wird Hanna deutlich, wie stark sie vermisst, was eine Mutter ihr hätte beibringen können. Anhand von Hannas Erlebnissen durch Geburten, Schwangerschaftsabbrüche, Bombenkrieg, DDR-Gründung hindurch und im Lauf ihrer Arbeiter-Karriere als Kranführerin in der Gießerei des ehemaligen Krupp-Gruson-Werks (später Ernst Thälmann) erzählt Annett Gröschner in „Schwebende Lasten“ mit Hannas Leben zugleich die Biografie der DDR. Ihre Privilegien als Arbeiterin in der Schwerindustrie eines Staats, in dem einige stets gleicher als andere waren, stellt Hanna nie in Frage. Einzig ihr Ausflug ins Guerillagärtnern bis ins hohe Alter zeigt, wie sie Gelegenheiten nutzt, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Mit Liebe zum Detail (Klappstullen schmieren), sowie dem Sound von Stiefelgetrampel auf Kopfsteinpflaster, Schüssen aus Wehrmachtswaffen und Leichen-Geruch im zerbombten Magdeburg ist ein sinnlicher Roman entstanden, der exakt den Klang einer Stadt in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wiedergibt. Der Erzählton wirkt nüchtern, das Vokabular für schwer Erträgliches brutal desillusioniert. Jedes Kapitel ist mit einer Blumenart aus Jacob Marrels Blumenstrauß überschrieben, ein Strauß, der in vielerlei Hinsicht auch symbolisiert, was Hanna als Waise, Mutter und Kriegsopfer verpasst hat.