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Buchdoktor

Posted on 17.3.2025

John Green reiste ursprünglich nach Sierra Leone, um zur immensen Müttersterblichkeit des Landes zu recherchieren. Jede 17. Frau starb dort damals in der Schwangerschaft oder nach der Entbindung. Die Begegnung mit dem 2000 geborenen Henry Reider im Lakka-Hospital, der nach seiner Tuberkuloseerkrankung mit 16 Jahren so groß war wie ein Neunjähriger, spannte jedoch einen Bogen zu Greens Familien-Geschichte der Tuberkulose. Sein Großonkel Stokes Goodrich starb daran 1930 innerhalb von 2 Monaten mit 30 Jahren, als man noch kaum eine Vorstellung von der Übertragung der Krankheit durch Tröpfcheninfektion hatte. Neben dem Ansatz der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, lungenkranke Patienten aus überfüllten Städten und engen, feuchten Wohnungen in Gegenden mit sauberer Luft zur Kur zu schicken, hielt sich lange das kulturelle Konstrukt, Veranlagung zur Tuberkulose wäre erblich. Eine fatale Einschätzung, weil Gesellschaften, die das Bild der Ansteckung von Mensch zu Mensch verinnerlichten, den Kontakt zu Erkrankten offenbar früher verhinderten und die Ausbreitung eindämmen konnten. Henrys Schicksal ist ein Paradebeispiel dafür, dass selbst in einem rohstoffreichen Land wie Sierra Leone Tuberkulose eine Armutskrankheit ist. Sie trifft mangelhaft ernährte Menschen in prekären Wohnverhältnissen, die sich Krankheit finanziell nicht leisten können und keinen verlässlichen Zugang zu Medikamenten haben, die über lange Zeit täglich genommen werden müssen. An Henrys Beispiel zeigt John Green anschaulich, wie Tuberkulose sich ausbreitet, „wo Machtstrukturen menschliches Leben entwerten“. Das Gesundheitswesen Sierra Leones war mit der Tuberkulosefürsorge schlicht überfordert, nachdem die Ebola-Epidemie 2014-16 allein 200 Tote unter medizinischem Personal gefordert hatte. Verschlimmert wurde die Mangelsituation durch schlecht geplante Hilfsprogramme, „deren Aktivisten nach 3 Jahren wieder abreisten“ und veraltete Medikamente, gegen die die Tuberkulose-Erreger inzwischen resistent waren. Green nutzt für seine Aufforderung zum Handeln seine Prominenz als Jugendbuchautor und verknüpft das Memoir eines erkrankten Jugendlichen mit medizinhistorischen Passagen, die anschaulich zeigen, wie die Entwicklung von Tests, Röntgenaufnahmen und Medikamenten die Krankheit in wohlhabenden Staaten eindämmen konnten. Dass das Akquirieren von Spenden für die Tuberkulosebehandlung in armen Ländern heute wirtschaftlich sinnvoll ist, begründet Green nachvollziehbar mit dem volkswirtschaftlichen Schaden, der gerade durch Infizierung der jungen Generation mit resistenten Erregern entsteht. Leider zieht Green außer dem Wohltätigkeits-Ansatz keine weiteren Schlüsse aus seinen zweifellos wichtigen Recherchen. Ich hätte gern konkreter gelesen, wie in den USA die Tuberkulosefürsorge finanziert wird, welche Lehren dort aus der Corona-Pandemie gezogen wurden (Patienten-Compliance, Mediziner-Ausbildung in seltenen Krankheiten, erhöhte Betroffenheit Angehöriger von Minderheiten) und wie sich die schulische Gesundheitserziehung der Nach-Pandemie-Situation angepasst hat. Die Nachricht, dass in den Bibel-Belt-Staaten z. B. sexuell übertragbare Krankheiten unter Jugendlichen rasant zugenommen haben, lässt gerade auch für das Wissen Jugendlicher über Infektionskrankheiten zurzeit Schlimmes befürchten. Fazit Wenn Tuberkulose eine Armutserkrankung ist und in den USA verstärkt arme, dunkelhäutige Menschen ohne Krankenversicherung trifft, darf sich bei erneut steigenden Erkrankungszahlen (2023 8,2 Millionen Neuerkrankungen weltweit, knapp 10 000 Fälle in den USA, 4 000 in Deutschland) keine Nation auf der Aussage ausruhen, TBC sei inzwischen eine seltene Erkrankung. Damit jugendliche deutsche Leser:innen nachvollziehen können, in welcher Form sie selbst von dieser Entwicklung betroffen sind, vermisse ich in dieser Buch-Ausgabe einen Service-Teil mit weiteren Quellen. 3 1/2 Sterne

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