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Buchdoktor

Posted on 12.3.2025

Inhalt Margrit Raven ist mit über 100 Jahren in eine Seniorenresidenz in der Nähe des Hamburger Elbufers gezogen. Obwohl ihr Gehör sich im Alter verschlechtert hat, wirkt Ihr früheres Berufs-Ich als Stimmbilderin und Sprachtherapeutin so frisch wie vor 80 Jahren, noch immer kann sie die Gefühlslage einer Person an deren Stimmlage erkennen. Sie lebt genau an diesem Ort und lässt sich täglich vom jungen Arthur zum römischen Garten oberhalb des Falkensteiner Ufers fahren, weil die Geschichte ihrer Mutter Johanne und deren Lebensgefährtin Else Hoffa noch nicht zu Ende erzählt ist. Ehe Margrit ihren selbstgesetzten Auftrag nicht erfüllt hat, kann sie nicht gehen. Da es während des Nationalsozialismus klug war, über die Beziehung zwischen der Ober-Gärtnerin und der Mathe-Lehrerin zu schweigen, ist Margrit allein auf Dokumente angewiesen, die ihre Tochter Barbara/Brisko ihr aus dem Archiv besorgt hat. Else Hoffa ist eine historische Person, die für den Bankier Max Warburg arbeitete, der 1938 gezwungenermaßen in die USA emigrierte, auch seine kundige Gärtnerin sah sich zur Emigration nach England gezwungen und arbeitete in Coventry. Als Else ein letztes Mal nach Deutschland zu Besuch kommt, ist Margrit 16 Jahre alt. Arthur, der Margrits trockenen hanseatischen Humor teilt und sie jeden Tag an die Elbe fährt, ist außer seinem Beruf als Erfinder von Sprachen für Fantasywelten und seinem Hobby als Sondengeher am Fluss-Saum von einem Geheimnis umgeben, das er erst später gegenüber Margrits Enkelin Luzie enthüllt. Luzie wollt ursprünglich 2 Schuljahre in Australien verbringe, wo ihr Vater in einer späten zweiten Ehe als Hausmann und Vater zweier Kinder lebt. Nach einer ungesühnten Vergewaltigung in Australien ist Luzie wieder zurück in Deutschland und hat sich ohne Wissen ihrer Eltern von der Schule abgemeldet. Ihre ehemals beste Freundin Merle und weitere Personen hatten ihr deutlich gezeigt, dass es mit Luzies Traumatisierung nach einer abgeschlossenen Therapie nun endlich einmal gut sein müsste und sie nicht beanspruchen darf, dass in ihrer Gegenwart nicht geschmacklos über ihr Schicksal gewitzelt wird. Luzie schlägt einen originellen Weg ein, um Grenzen zu setzen, ihr Terrain abzustecken und sich auf eine Berufslaufbahn ohne Abitur vorzubereiten. Katharina Hagena hat um die betagte Margrit und die historische Figur Else Hoffa weitere originelle Personen aufgestellt, die bei allen dramatischen Verwicklungen in norddeutscher Weise „die Ruhe weg haben“. In Luzies Wut, durch Taktlosigkeit ihres Umfelds konstant befeuert, konnte ich mich gut einfühlen. Das Thema, wie ein Umfeld von Unterstützern die Kraft findet, ein Gewaltopfer langfristig zu stützen wurde m. A. bisher noch nicht so empathisch dargestellt wie hier von Katharina Hagena. Mit dem Schauplatz an der Elbe, den Themen Gärtnern, Sprache, Sprachtherapie, Coming-of-Age, sexuelle Gewalt, Traumatherapie, vermuteter Frauenbeziehung während des Nationalsozialismus konnte mich Hagenas Roman überraschen und fesseln. Er wird 2025 sicher ein herausragendes Buch für mich sein.

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