
Buchdoktor
Nach mehr als 30 Jahren als Straf- und Pflichtverteidigerin in Berlin zieht die Icherzählerin Eva Herbergen Bilanz ihres Berufslebens anhand 9 spektakulärer Kriminalfälle. An die Fälle eines älteren, gehbehinderten Mannes, der für tödliche Schüsse auf einen jugendlichen Einbrecher Notwehr geltend machte, des Flüchtlings aus Uganda, der in Deutschland von einem Augenzeugen als Rebellenführer und Kriegsverbrecher beschuldigt wurde, und eines Falls von Kannibalismus werden interessierte Zeitungsleser sich erinnern. Wie Eva Herbergens Tätigkeit als Strafverteidigerin balancieren ihre beispielhaften Fälle an der Grenze von Rechtsprechung und Gerechtigkeit. Im Rückblick setzt sie sich besonders mit unerwarteten Wendepunkten auseinander und der Möglichkeit, dass alles ganz anders als geschildert oder ermittelt gewesen sein könnte. Mehreren Fällen liegen hartnäckige Familienkonflikte zugrunde, in einem 50 Jahre zurückliegenden Fall wohnte die betroffene Familie in derselben Straße wie die erzählende literarische Figur. Lernen kann man hier, was insbesondere in der Rechtsprechung eine überzeugende Story ausmacht … Elisa Hovens Roman ist jedoch keine Aneinanderreihung von True-Crime-Fällen, sondern sie setzt sich anhand ausgewählter Fälle, die sie selbst lange beschäftigten, kritisch mit ihrem Berufsstand und grundlegenden Fragen unseres Rechtssystems auseinander. Beeindruckend fand ich, wie die Kette von Fällen aufeinander aufbaut und praktisch jede Perle auf dieser Kette für einen Schritt in „Eva Herbergens“ Berufsbiografie und -identität stehen kann. Es geht u. a. um den idealen Mord, um Bauernopfer, ob Urteil bzw. Freispruch einem Angeklagten gerecht geworden sind, Angehörige, die nicht loslassen können, die unrühmliche Rolle der Sensations-Presse, neue Gesichtspunkte, die sich manchmal erst nach Jahren ergeben, eine Straftat aus einer Gruppe heraus, sowie um die Frage, wie berechenbar Strafverteidiger sein können und wem das nützt. Die einzelnen Fälle werden sehr ausführlich inszeniert und die beteiligten Figuren facettenreich charakterisiert. Mir war der Auftritt der Beteiligten meist zu ausführlich; denn ich hätte die Figuren lieber selbst eingeschätzt als mich an Elisa Hovens Hand zur Beurteilung führen zu lassen.