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Buchdoktor

Posted on 20.2.2025

Als die Mädels im Haus Balsam des Sommercamps Emerson am Morgen entdecken, dass Barbara nicht in ihrem Bett liegt, haben die Betreuerinnen Luise und Annabel ein Problem. Beide waren in der Nacht zuvor nicht in der Hütte, beide haben Alkohol getrunken und sind nun darauf angewiesen, einander zu decken. Wir sind im Jahr 1975 im privaten Naturschutzgebiet der Van Laars in den Adirondacks, die dort zur Pflege geschäftlicher Beziehungen, getrennt vom imposanten Haupthaus, ein Sommercamp mit rund 100 Plätzen für die Kinder ihrer Geschäftspartner betreiben. Wer selbst im Sommerlager war, verlängert seine Kindheit, indem die eigenen Kinder die Tradition fortsetzen. Die Teilnehmerin Tracy aus dem Haus Balsam dagegen war von ihrem Vater zum Aufenthalt gezwungen worden. Wie peinlich, dass nun ausgerechnet die Enkelin des Gründers Peter aus ihrer Hütte verschwunden ist. Louise, die 23jährige Gruppenleiterin, kann sich nicht leisten, ihren Saisonjob im Camp zu verlieren; denn ihr Einkommen ernährt auch Mutter und Bruder. Nachdem die beiden Fabriken schlossen, schlagen sich alle in ihrem Heimatort mit Saisonarbeit durch. Sie sind angewiesen auf die Arbeit bei den Van Laars; Peter Van Laar der III. scheint jedoch nicht zu realisieren, dass sein Ruf als Gastgeber zuverlässige Saisonkräfte erfordert und keine Untertanen. Geleitet wird das Lager von „T.J.“/Tessie Jo Hewitt, Tochter des ersten Lagerleiters Vic und selbst eine Legende auf dem Gebiet der Survival-Kurse. Als vor 14 Jahren bereits Barbaras jüngerer Bruder „Bear“ auf dem Gelände verschwand, hatte die Familie offensichtlich etwas zu verbergen. Die aktuellen Ermittlungen gestalten sich ausgesprochen komplex, weil praktisch alle Bürger des Ortes bei den Van Laars arbeiten oder beim Bau des „Chalets“ beschäftigt waren und daher über beste Ortskenntnisse verfügen. So fragt sich während der Ermittlungen zu Barbaras Verschwinden: Wer sind die Van Laars und die befreundeten McLellans, welche Beziehung besteht zwischen der verhaltensoriginellen Barbara und ihren Eltern, welchen Bezug hat der geflohene Serienmörder Sluiter zum Camp Emerson – und vor allem: wie wird Judyta, Tochter polnischer Einwanderer und weit und breit einziger weiblicher State Trooper, sich in diesem Geflecht einflussreicher Grundbesitzer und ihrer Untergebenen durchsetzen? Zugegeben, als ehemalige Ferienlager-Betreuerin und Leserin von Wolitzer „Die Interessanten“, Sager „Schwarzer See“ und Butler „Die Herzen der Männer“ fand ich den Einstieg in „Der Gott des Waldes“ eher flach. Der Roman entpuppt sich jedoch schnell als dichte Sozialstudie u. a. über Klassengesellschaft/Armut/Abwanderung, die amerikanische Oberschicht, sowie Frauen der 70er, die jung und naiv an Söhne einflussreicher Familien verheiratet und mit Psychopharmaka ruhiggestellt wurden, sobald sie sich widersetzten. Mit Louise habe ich gefiebert, wie sie überhaupt auf die Idee kommen kann, in Kreise der Reichen und Mächtigen zu heiraten, wie Judyta sich durchsetzen wird (u. a. gegenüber anderen Frauen) – und natürlich, welche Motive Barbara antrieben. Neben den zahlreichen Beziehungen zwischen Eltern/Kindern, Chalet/Dorf, Lagerleitung/Betreuern/Teilnehmern, Grundbesitzer/Polizei/Feuerwehr hat mich besonders Judytas Rolle fasziniert, die als Berufsanfängerin und Pionierin bei der Kripo zwar alle männlichen Kollegen im Nacken hat, aber offenbar als Einzige Peter III. keine Loyalität schuldet. Fazit Mit Focus auf – zahlreiche – wechselnde Figuren und jeweils einem persönlichen Zeitstrahl an den Kapitelanfängen ein komplexer, sozialkritischer Kriminalroman, der auch danach fragt, warum Eltern ihren Kindern eigene Glücksvorstellungen aufzwingen.

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