Profilbild von anni_anushka

anni_anushka

Posted on 12.3.2024

Falsche Liebe Philipp ist in der Schule ein Einzelgänger. Er wünscht sich nichts mehr als einen Freund. Diesen findet er schließlich in Faina. Faina ist gerade aus der Ukraine nach Deutschland gezogen und Philipp macht sie zu seinem Projekt, indem er ihr Deutsch und die deutschen Gepflogenheiten beibringt. Es entwickelt sich eine enge Freundschaft, die Jahre später plötzlich zerbricht. Philipp hat inzwischen zwei Eigentumswohnungen, ein Auto und jede Menge Geld als Faina nach fast drei Jahren schwanger vor seiner Tür steht. Allein und verschuldet begibt sie sich wieder unter seinen Schutz, doch Philipps Liebe verlangt viele Opfer ... Lana Lux schreibt sehr gekonnt über eine Freundschaft, die irgendwann zur Obsession wird. Abwechselnd wird die Geschichte aus den Perspektiven Philipps und Fainas erzählt, was die beiden unterschiedlichen Sichtweisen sehr gut veranschaulicht, wobei man jedoch auch aus Philipps Sicht schnell merkt, dass da etwas nicht richtig läuft. Wann immer etwas Mitleid mit Philipp aufkommt aufgrund seiner schwierigen Kindheit, macht er dies mit misanthropen Äußerungen wieder zunichte. Aber auch Faina kommt nicht immer gut weg: statt sich dem Konflikt zu stellen und sich klar von Philipp zu distanzieren, greift sie lieber zu Lügen und Heimlichkeiten. Allzu leicht glaubt sie Philipps Manipulationen und glaubt, dass er nur zu ihrem besten handelt. Immer wieder wird man beim Lesen Zeuge, wie Faina Situationen und Erlebnisse umdeutet und ihr Selbstbewusstsein abnimmt, bis zu dem Punkt, dass sie sich selbst kaum traut. Allzu leicht nimmt sie die Schuldzuweisungen an. Interessant und gelungen ist, wie gerade im ersten Teil noch nichts auf eine dysfunktionale Beziehung hindeutet, sondern alles wie eine gute und gegenseitig vorteilhafte Freundschaft wirkt. Doch erste Anzeichen gab es auch hier schon. In diesem beklemmenden Roman seziert Lana Lux die Entwicklung einer obsessiven, besitzergreifenden Beziehung. Ist das, was Philipp fühlt, wirklich Liebe? Oder geht es hier nur um Kontrolle? Hinter Philipps Motivation kommt man leider nicht. Auch wird keine wirkliche Erklärung für sein Verhalten angeboten. Vieles kann, aber nichts muss, Ursache sein. Immerhin thematisiert der Roman aber auch familiäre Muster, die an die Kinder weitergegeben werden. Das Ende war mir dann auch zu abrupt und distanziert. Gerade hier hätte ich mir mehr Emotionen gewünscht. Lana Lux greift ein brisantes, zeitgenössisches Thema auf und macht daraus einen beklemmenden Roman, der viele Dynamiken anschaulich und nachvollziehbar darstellt. Sie zeigt realitätsnah zwischenmenschliche Beziehungen des dysfunktionalen Spektrums mit zwei Protagonist:innen, die wenig Sympathien hervorrufen. Dennoch liest man gebannt und mit Faina mitfühlend dieses ergreifende und schockierende Buch.

zurück nach oben