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gwyn

Posted on 31.10.2023

«Du wirst die Geheimnisse der Meeresströmung erfahren und bewahren, das Gesetz, das die Thunfischschwärme durch die Ozeane in deine Netze treibt, die Architektonik der Meerestiefen, die geheimen Gesänge der Fische. Du wirst hinnehmen, dass der Tod den trifft, der dir am teuersten ist, wirst zulassen, dass das Meer deine Seele verschlingt …» Der Raìs ist der Hüter der Tonnara, ihr Führer, ihr Lenker. Der Raìs liest die Strömung, die Wellen, die Winde, hört ihnen zu. Er knüpft die Netze, überprüft sie; und er bestimmt, wann die Jagd beginnt, den Zeitpunkt auszufahren, den Punkt, die Netze hochzufahren. Dieses Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben, vom Vater an den Sohn. Doch dieser Raìs hat keinen Sohn. So wartet man auf den Enkel. Nur Mädchen in dieser Generation, ein Unglück, die Kette darf nicht reißen … So wird das Mädchen bestimmt, der nächste Raìs zu werden. Von Geburt an ist ihr Weg bestimmt – sie wird die Tonnara führen, den Punkt für die Mattanza bestimmen. «Die ersten Touristen gingen Anfang es Sommers an Land. Das Dorf beobachtete sie hinter angelehnten Fensterläden, musterte sie genau und verurteilte sie gnadenlos. Sie waren rot, verschwitzt, derangiert und schlecht angezogen … sie seinen unglaublich hässlich. Rosalba Rollo ergänzte; sie würden stinken, Provvidenza Lo Casico hingegen hielt sie für dumm, und der Pfarrer verdammte sie als vulgär, weil sie halb nackt herumliefen.» Germana Fabiano erzählt in diesem Roman vom letzten Raìs (so der Titel im Original), vom Aufbruch in neue Zeiten, vom Wandel der Fischerei und vom Einzug des Tourismus auf der kleinen Insel Katria vor Sizilien. Noch herrscht ein Leben im Einklang mit der Natur, die von jahrhundertealten Traditionen bestimmt ist. Ab März ziehen die Thunfischschwärme durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer, um ihre Laichgründe aufzusuchen. Nora ist von Geburt an bestimmt, der neue Raìs zu werden, und sie nimmt ihr Schicksal an. Erfolgreich holt sie mit den Fischern bei ihrem ersten Thunfischfang beste Quoten ein. Parallel reisen die ersten Touristen ins Dorf, und die ersten Dörfler vermieten Zimmer, eine Pension entsteht, ein neues Restaurant, Nippes aus Muscheln wird verkauft. Komische Typen, diese Urlauber – rennen mit Fotoapparaten herum und wollen alles einfangen … «Die Tonnara mit ihren vier Phasen hatte gerade wieder begonnen: Cruciatu, das Spannen und Fixieren der Verankerungsseile, Calatu, das Ausbringen der Netze, Mattanza, das Töten, und Salpatu, das Einholen und Einlagern der Reusenanlage, wonach alles bis zum nächsten Jahr aus dem Kopf verbannt war.» Mattanza übersetzt heißt Schlachten – und das ist es letztendlich auch. Die Thunfische werden in ein Labyrinth von Netzkammern gelockt, die immer mehr zusammengezogen werden, bis sie in der inneren Kammer gelandet sind (südital. càmira dâ morti, die Todeskammer). Die Netze werden hochgezogen, die Fische bestialisch abgestochen, mit Enterhaken auf die Fischerboote gehoben – das Meer färbt sich rot. Die jährliche Thunfischjagd war für die Sizilianer jahrhundertelang ein wichtiges Einkommen. Mit Erfindung der Dosen ein einträgliches Geschäft. Riesige Fische gingen ins Netz und nicht immer überlebten alle Tonnatori den gefährlichen Fang. Mit der Entwicklung der größeren Boote, Motoren, durch feinere Netze, holte man die Fische bereits weit draußen ins Boot; die kleinen Fischer fingen immer weniger und auch die Thunfischfischer hatten ihre Probleme: Jedes Jahr kleinere Fische und jedes Jahr weniger. So starb irgendwann die jahrhunderte alte Tradition der Tonnara. Diese Geschichte steht exemplarisch für den Zeitwandel. Der Umbruch der Tradition in den 60-er Jahren – auch der ewig alte Adel, hier als die Familie Filangeri beschrieben, fällt dem zum Opfer. Gelangweilte, spielsüchtige Söhne verpulvern das Erbe an Kredithaie, auch ein Teil der Epoche. Wundervoll beschrieben die Arbeit des Raìs, der eins sein muss mit der Natur, der fühlen muss, prüfen, hören, beobachten, wann genau auf den Punkt die Zeit reif ist. Die Netze müssen gut verankert sein, jeder Knoten muss perfekt sitzen, nicht einer darf sich öffnen, kein Strang darf reißen … Die Arbeit im Boot ist gefährlich – der Raìs hat den Überblick über die Tonnatori. Der Fischfang wandelt sich, der Tourismus zieht ein und irgendwann liegen in den Netzen der Fischer Leichen, und erschöpfte Menschen landen in ramponierten Botten am Strand – immer mehr. Lampedusa lässt grüßen! Eine neue Epoche beginnt … Atmosphärisch beschreibt Germana Fabiano die Insel, ihre Bewohner und den Thunfischfang. Humorvoll wird es, wenn es zum Zusammentreffen zwischen Touristen und Ansässigen kommt. Einige Dorfbewohner ahnen, welche Goldgrube die Ausländer für sie bedeuten können und richten sich ein; andere sperren sich. Das ist absolute Zeitgeschichte – literarisch sehr fein verpackt. Kompakt mit Feingefühl, bildstark. Der Roman entwickelt schnelle einen Sog, der nicht mehr loslässt! Empfehlung! Germana Fabiano, geboren 1971 in Palermo, lebt heute auf Sizilien und in Tübingen, wo sie ihre Arbeit als Autorin mit einer Dozentur für Menschenrechte an der Universität verbindet. 2009 veröffentlichte sie ihren Debütroman Balarm und wurde für eine ihrer Kurzgeschichten mit dem Colonna d’Eroma ausgezeichnet. Nach weiteren Publikationen ist Mattanza ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.

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