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joberlin

Posted on 18.10.2023

Der Stadtname Czernowitz übt seit Jahren eine geradezu magische Anziehungskraft auf mich aus. So viel hatte ich schon gehört, so viel gelesen – ein Ort der Literatur, der Philosophie, der Kunst. Die Schriftsteller Joseph Roth und Gregor von Rezzori, die Lyriker Paul Celan und Rose Ausländer und auch Ninon Ausländer, die spätere Ehefrau Hermann Hesses stammen von dort. Doch die wechselvolle Geschichte, die wechselhafte Zugehörigkeit zu verschiedenen Ländern (Österreich, Rumänien, Sowjetunion, Ukraine), die Zerstörung dieser Stadt, die mit ihrer überwiegend jüdischen Bevölkerung durch Pogrome und Weltkrieg besonders gelitten hat, lässt sie bei weitem nicht mehr so geistvoll strahlen wie zu ihrer Blüte unter der Habsburger Regierung. Fasziniert von diesem Ort war schon in den 1970er Jahren auch der junge Student und spätere Autor und Literaturkritiker Helmut Böttiger; in diesem Buch berichtet er über seine drei Reisen in den Jahren 1993, 2005, 2022. So interessant, so gut beschrieben sind diese drei neuen Abschnitte der Geschichte der Stadt, ich werde von Helmut Böttiger geradezu in diese Entwicklung hineingezogen. Allerdings wird mir durch die Lektüre auch schnell klar, dass ich mich doch noch mehr mit der politischen Geschichte der Region um Czernowitz befassen muss. 1993: Tristesse, Sowjetgrau, Desinteresse - städtische Infrastruktur gibt es nicht, geschweige denn ein reiches, literarisches Leben. Kaum jemand interessiert sich für Geschichte, für Literatur oder Lyrik. Alte, sowjetische Seilschaften hingegen sind noch intakt und beeinflussen weiterhin das Leben. Das zu sehen und zu erleben muss bitter und natürlich enttäuschend gewesen sein. Ist das alte Czernowitz mit freiem Geist und reichem kulturellem Leben ein für alle Mal versunken? Ist Czernowitz nur noch imaginärer Ort? Darüber sollen die weiteren, späteren Reisen informieren, nur so viel möchte ich sagen: Czernowitz scheint heute – trotz Krieg und Bedrängnis - zu neuem Leben erwacht. Es gibt mittlerweile ein Celan-Literaturzentrum und ein Lyrik-Festival „Meridian“. Herbert Böttiger berichtet über diese Entwicklung in einzigartiger, persönlicher Weise. Die Lektüre ist unbedingt empfehlenswert.

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