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Buchdoktor

Posted on 26.9.2023

Johanna Hauk kommt nach 30 Jahren zum ersten Mal in ihre Heimat Norwegen zurück - zu einer Retrospektive ihres künstlerischen Werks. Damals hatte sich die Icherzählerin in ihren Kunstdozenten verliebt und war Hals über Kopf aus einer vorschnellen Ehe geflohen, um ihm in die USA zu folgen. Heute ist Johanna verwitwet, Mutter eines begabten Musikers und hat ein Enkelkind. Der Kontakt zu ihrer Mutter lief all die Jahre allein über ihre jüngere Schwester Ruth, die ebenso wie die Mutter zutiefst gekränkt war von Johannas Handeln. Ihre Kontaktversuche, um etwas mit ihrer Mutter zu besprechen, werden von Ruth brüsk abgewiesen. Durch ihr Erbe in den USA ist die Künstlerin wohlhabend genug, um in Norwegen eine Wohnung zu mieten. Sie arbeitet hier nicht nur an ihrem aktuellen Bild, sondern wechselt zwischen der stalkerhaften Observation ihre Mutter und dem Aufenthalt in einer einfachen Hütte am Fjord. Das episodenhafte mäandernde Erzählen Johannas ließ mich gemeinsam mit ihrer Obsession anfangs daran zweifeln, ob ihre Mutter noch am Leben sein kann. Johanna schien in Endlosschleifen ihre Wertungen immer wieder zu überarbeiten. Ihre Erinnerungen führen schließlich an einen Punkt in ihrer Kindheit, als ihre Mutter – unbegreiflich für Johanna – aufhörte, ihre künstlerische Begabung zu loben, um sich der höhnischen Abwertung durch ihren Vater zu unterwerfen. Das Kind durfte nicht mehr zeichnen, wie es die Welt erlebte, sondern nur wie die Mutter es anordnete. Eine unbegreifliche Kränkung für Johanna, die zugleich die düstere Symbolik ihrer Bilder abwertete, hinter der ein unaussprechliches Problem verborgen zu sein schien. Johannas Erzählstrom wird allmählich klarer, sie erinnert sich an konkrete Lebensalter und an ihren Widerwillen, für Familienfeiern kostümiert wie auf einer Bühne die vorgeschriebene Rolle zu spielen. Bis heute fühlt sich Johanna nicht als Person gesehen, sondern als Auslöserin eines Skandals durch ihre Bilder „Es war leicht Mutter zu mögen, glaube ich, für andere Menschen, die nicht ihre Töchter waren …“. (S.43) Fazit Johanna macht es Vigdis Hjorths Leser:innen nicht leicht, ihrer episodenhaften Erzählweise und ihren Schauplatzwechseln zu folgen. Wer sich jedoch darauf konzentriert, was sie über die Beziehung zu ihren Eltern preisgibt, findet hier einen fordernden Roman über das hochaktuelle Thema Unterwerfung in Beziehungen. Auf Vigdis Hjorths nächsten auf Deutsch erscheinenden Roman bin ich schon neugierig …

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