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Buchdoktor

Posted on 6.4.2022

Emily Hahn war eine selbstbewusste Frau und unternehmungslustige Journalistin, eins von 6 Kindern einer jüdischen Einwandererfamilie in den USA. Hahn rauchte Opium, fluchte und wollte alles andere als „nett“ sein. Obwohl sie zuerst für Afrika brannte, lebte sie bis zur japanischen Besetzung 1937 in Shanghai und anschließend in Hongkong. In Hongkong muss sie mit einer Stelle als Englischlehrerin und ihren Einnahmen aus zahlreichen Veröffentlichungen ein gutsituiertes Leben geführt haben. Der vorliegende Band enthält 9 Kolumnen aus dem New Yorker. Ihre Autorinnentätigkeit in China wäre nicht möglich gewesen ohne Kontakte zu Einheimischen, darunter Shao Xunmei/Zau Sinmay/hier genannt Pan Heh-ven (1906-1968), mit dem Hahn eine skandalöse Affäre führte und der ihr Blicke hinter die Kulissen chinesischen Alltags vermittelte. Hahn war wie Pearl S. Buck maßgeblich verantwortlich für das China-Bild der damaligen Zeit im Ausland. Das „Paris des Ostens“ zeichnet Hahn als multi-ethnisches Zentrum der Kultur, Literatur und des sorglosen Opium-Konsums. Möglich war das Einheimischen und Bewohnern der ausländischen Konzessionen nur durch Niedriglöhne, die sie ihren Hausangestellten zahlten. Ohne ihr Personal wären sie im chinesischen Alltag der 30er Jahre kaum klargekommen. Hahns Kolumnen wirken erstaunlich zeitlos und sind für deutsche Leser interessant, weil Shanghai 1938-41 Fluchtpunkt u. a. deutscher Juden war. In ihren Texten treffen Einheimische, ausländische und einheimische Angehörige der Oberschicht zusammen und Menschen, die durch Krieg und Besetzung Shanghais plötzlich staatenlos werden können, weil ihr Heimatland in den Krieg eintritt. In diesen Reportagen lässt sich verfolgen, wie Hahn zwar über China und ihre Begegnungen mit Chinesen schreibt, ihr Blick jedoch ihre amerikanische Brille zeigt – und sie letztlich am Beispiel China über sich selbst schreibt. Mit einem Vorwort der Übersetzerin eine zeitlose, hochinteressante Lektüre.

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