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Babscha

Posted on 24.1.2022

Bernhard (schon 64) und Verena (noch 52) sind ein Ehepaar aus Frankfurt mit erwachsener Tochter und ausgestattet mit allen stereotypen Attributen der „gehobenen Mittelschicht“ wie schicker Wohnung, Ferienhaus am Gardasee, dickem Auto, weltläufigem Lebensstil, gleichgesinnten pseudointellektuellen Freunden usw.. Nach bald dreißigjähriger Beziehung hat man sich allerdings als Paar auseinandergelebt und funktioniert weitgehend nur noch in den Mustern langjähriger Eheroutine. Da bleibt natürlich eine Menge auf der Strecke, jeder macht letztlich frustriert nur noch sein eigenes Ding und auch die Hinwendung zu neuen Sexualpartnern auf beiden Seiten ist somit nicht überraschend. Die Dinge beginnen sukzessive außer Kontrolle zu geraten, als Verena sich auf eine amour fou mit dem Wintermieter ihres Hauses am See einlässt. Hätte der Autor seinen Buchtitel wirklich konsequent umgesetzt, hätte maximal die Hälfte der Seiten ausgereicht, um das Kernthema des Romans, die Komplexität von Liebe in Beziehungen, abzuhandeln. Und das hätte dann sowohl Buch wie Leser besser getan und vor allem die Lesefreude der Zielgruppe mit Sicherheit aufrechterhalten. So aber gerät das Ganze leider zu einer überbordenden, zerfasernden, teils lebensfremden, weitgehend überflüssigen und damit anstrengenden Geschichte um vier Hauptprotagonisten, die dem Leser einen extremen Durchhaltewillen abverlangt und diesen dann nach weit über 600 mehr oder minder bedeutungsschwangeren Seiten noch nicht mal mit einem gelungenen Abschluss belohnt . Während Bernhard hier als typischer saturierter Mittsechziger auf dem Weg zum Alter skizziert wird, der sich mit seinen Hobbies und täglichen Routinen über Wasser hält und in der bestehenden Situation irgendwie einrichtet, läuft der Gefühlshaushalt seiner jüngeren Frau in ihrer ungesunden vollständigen Fixierung auf ihren neuen Liebhaber komplett und bis an die Grenze der Glaubhaftigkeit aus dem Ruder. Bremswirkung bis hin zum Stillstand der Lesefreude löst leider aus, dass ein gefühltes Drittel des Buches sich parallel zur laufenden Handlung mit der historischen Gestalt des Franz von Assisi befasst, dessen in tiefsten Tiefen erzählte Lebens- und Liebesgeschichte zwar Vorbild für das Denken und Handeln von Verenas Geliebtem, letztlich aber für das eigentliche Buchthema völlig unerheblich ist. Gleiches gilt für die im Google-Maps-Stil vom Autor bis in kleinste Verästelungen dargelegte Beschreibung der Städte, Landschaften und Verbindungsrouten Norditaliens. Hier hätte massiv gestrafft werden sollen/können. Fairerweise ist anzumerken, dass die am Beispiel von Bernhard und Verena dargelegte Gesamtproblematik und Kompliziertheit einer langjährigen Ehe mit all ihren Höhen, Tiefen und Auswirkungen auf Denken und Fühlen der Beteiligten hier streckenweise geradezu brillant und ganz nah am wahren Leben ausgearbeitet ist. Damit werden die beiden Protagonisten in ihren ganzen verschachtelten Persönlichkeiten und Gedankenwelten sehr gut greifbar. Eine Aufrundung auf knappe drei Sterne für das Buch erscheint hierdurch vertretbar. Fazit: Kann man lesen, muss aber nicht.

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