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Dreamworx

Posted on 30.12.2021

„Lieben heißt Kontrolle verlieren.“ (Paul Coelho) Perfektionistin Marie hat alles unter Kontrolle: ihre Familie, ihr Leben, sich selbst. Dass sie dabei ihrem Ehemann und ihren Kindern damit extrem auf die Nerven geht, merkt sie gar nicht. Ehemann Alexander bringt sich zur Abwechslung auf Abwege und amüsiert sich lieber mit Hippie-Babette, der Marie auf einem Elternabend begegnet und mit deren Art sich Marie so gar nicht anfreunden kann. Als ein Hexenschuss Marie in den Rücken fährt und sie vor lauter Schmerz wie eine Schildkröte auf dem Rücken verharren muss, gerät ihr wohlgeordnetes und kontrolliertes Leben außer Kontrolle und macht sich selbständig… Ellen Berg hat mit „Mach dich locker“ einen sehr unterhaltsamen Roman vorgelegt, der nicht nur mit witzigen Einlagen punkten kann, sondern den Lesern und Leserinnen auch den Spiegel vorhält, um das eigene Leben mal zu reflektieren, denn wer von uns will nicht möglichst alles im Griff behalten. Der flüssige, farbenfrohe und humorige Erzählstil schleudert den Leser mitten in Maries Leben hinein, wo er sich ihrer herrischen Art gegenüber sieht, mit der sie sämtliche Belange der Familie dirigiert. Keine Herausforderung ist vor ihr sicher, die Lösung liegt ihr praktisch immer auf der Zunge. So kommandiert sie ihren Ehemann und ihre Kinder tagaus tagein durch deren Leben und jongliert mit deren Zeit, so dass sich alle Dinge immer erledigen lassen. Nur hat sie dabei vergessen, dass nicht jeder so gestrickt ist wie sie und lieber gemächlicher durchs Leben geht, wobei er Fünfe gerade sein lässt. Nicht so Marie, bei ihr ist alles sekündlich durchgetaktet. Doch wer mag schon so durchs Leben gehen, wenn es an Spontanität und Überraschungen fehlt? Aber mal ehrlich, viele von uns finden uns in Marie wieder, denn der heutige Alltag verlangt geradezu nach guter Planung, um alles unter einen Hut zu bringen, wobei das Sozialleben ziemlich auf der Strecke bleibt. Mit viel Witz und Humor laviert Berg den Leser durch ihre Handlung, doch insgeheim ertappt dieser sich beim Lesen dabei, sich selbst zu hinterfragen, denn manche Szenen kommen einem wie ein Déjà-vu vor. Und während Marie eine ungewollte Auszeit hinnehmen muss, erkennt auch sie, dass das eigentliche Leben an ihr vorbei rauscht vor lauter Kontrollzwang und dass sich unbedingt etwas ändern muss. Berg bringt es auf den Punkt: Kontrolle ist gut, leben ist besser! Die Charaktere sind wie aus dem täglichen Leben gegriffen und überzeugen mit glaubwürdigen menschlichen Eigenschaften, die sie dem Leser ganz nahe bringen. Dieser folgt ihnen gern, nicht ohne sich selbst bei vielen Dingen zu hinterfragen. Marie ist eine patente Frau, die alles unter Kontrolle hat, nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld. Sie wirkt auf den ersten Blick herrisch, aber insgeheim zeigt sie Unsicherheit, den Alltag ohne ihre Perfektion nicht meistern zu können und deshalb vielleicht nicht geliebt zu werden. Ehemann Alexander ist der Perfektionsdrang seiner Gattin ein Gräuel, dem er entfliehen will. Schwiegermutter kommt aus einer Zeit, als die Dinge noch anders gehandhabt wurden. Babette lässt alle Fünfe gerade sein und lebt lieber in den Tag. Sie alle, einschließlich Teenie-Sohn und Assistentin Scarlett machen die Geschichte zu einem Pageturner mit eingeschlossenem Selbstfindungstrip. „Mach dich locker“ ist nicht nur unheimlich witzig und unterhaltsam, sondern vor allem ein Fingerzeig, sich selbst mal zu hinterfragen. Wunderbar ironisch und mit vielen Lebensweisheiten gespickt, klebt der Leser an den Seiten, während er so manche Situation aus dem eigenen Leben vor Augen hat. Absolute Leseempfehlung!

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