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mabuerele

Posted on 4.10.2021

„...Sein Spiegelbild starrte ihn aus dem Wasser des runden Beckens an. All die Zweifel hatten tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben. Würde er je vor dem Gericht des Herrn bestehen können?...“ Diese Gedanken gehen dem jüdischen Rabbi Chaim im Prolog durch den Kopf. Es war irgendwie seine Idee gewesen. Aber so hatte er sie sich nicht vorgestellt. Doch auch sein Gegenüber zweifelt, der Domdekan Raimund. Hat er die ewige Seligkeit verspielt? Was war dem Geschehen vorausgegangen? Der Autor hat einen spannenden und tiefgründigen historischen Roman geschrieben. Er geht nur über wenige Tage. Die aber haben es in sich. Der Schriftstil ist ausgefeilt und abwechslungsreich. Die Protagonisten werden gut charakterisiert. Besonders Chaim und Raimund sind ihrer Zeit weit voraus. Wir schreiben den 23. Mai 1096. In Mainz wird Zacharias vermisst. Er ist von seiner Reise nicht zurückgekehrt. Rabbi Chaim nimmt das zur Kenntnis, ist aber gerade auf den Weg zu Domdekan Raimund. Beide tauschen sich über den Inhalt der Bibel aus. Währenddessen sieht Peter, der Bauernsohn, in der Nähe von Mainz das Heer der Kreuzritter, das sich gen Jerusalem aufmacht. Er träumt von Ruhm und Reichtum und lässt sich von einem Geistlichen verleiten, sich dem Herr anzuschließen. Erst einmal aber hat das Heer ein anderes Ziel. In Mainz sollen die Juden sich zwischen Tod und Taufe entscheiden. Zwar hat die Stadt und insbesondere der Bischof den Juden Sicherheit versprochen. Werden sie aber dem Heer widerstehen können? Mir gefallen die vielen ausgeklügelten Sprachbilder, die der Autor verwendet. „...Er genoss das Gefühl der Geborgenheit in all seinem Unwissen und trotz all der Fremdheit, mit der Gott ihm zuweilen entgegentrat. Er schwang mit in Gottes Wollen, wie der Samen einer Pusteblume...“ Das Besondere des Buches besteht darin, dass detailliert beschrieben wird, womit sich die Protagonisten in an jedem der Tage beschäftigen. Als Leser verfolge ich den Tagesablauf sowohl in den Wohnungen der Juden als auch im Bischofspalast und insbesondere mit den Augen von Peter bei den Kreuzfahrern. Deutlich wird, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, wie man sich verhalten sollte. Während Mosche eine eher radikale Meinung gegenüber den Christen vertritt, sucht Chaim das Gespräch. Raimund ist dafür aufgeschlossen. Allerdings dürfen seine Glaubensbrüder nichts davon wissen. Schon seine Äußerung über den jüdischen Glauben gegenüber den Kreuzfahrerheer ist in der damaligen Zeit gewagt. „...Wir teilen das Wort mit ihnen, wir haben es sogar von ihnen geerbt...“ Im Kreuzfahrerheer geht es weniger um Glauben, mehr um Gewalt und Beute. Dafür wird das Recht gekonnt gebeugt. Peter muss bald begreifen, dass er nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist. Er wird mit Lügen und dem Tod konfrontiert. „...Das war kein heroischer Kampf, kein heldenhafter Einzug in die Stadt, wie Peter es sich erträumt hatte. Es war falsch...“ Neben der fesselnden Handlung gehören für mich die religiösen Diskussionen zu den inhaltlichen und sprachlichen Höhepunkten des Buches. „...“Dieses Gebet (Anmerkung: Das Vaterunser) ist voller Vertrauen auf die Liebe Gottes“,sagte Chaim leise. „Es ist, als ob ein Jude zu mir sprechen würde.“ „Aber war Jesus nicht Jude?“ antwortete Chaim….“ Chaim und Raimund übersetzen die Psalmen ins Deutsche. Gleichzeitig unterhalten sie sich über die Widersprüche im Evangelium. Nach dem Einzug des Heeres ins Mainz trennt sich die Spreu vom Weizen. Während manche der Einwohner ihre jüdischem Mitbürger verstecken, bedienen sich andere an deren Eigentum. Clever finde ich die Nonne Irmgard. Die mutige Frau hat nicht nur eine hervorragende Idee, wie die Menschen unerkannt in die Pfalz gelangen, sie faltet auch Vertreter des Heeres gekonnt zusammen. Natürlich kommt ein Buch über Pogrome nicht ohne Gewalt aus. Der Autor versteht es aber, eine gewisse Grenze zu ziehen und es bei dem Notwendigen zu belassen ohne zu genau in Einzelheiten zu gehen. Eine Karte und ein Personenregister zu Beginn sowie ein umfangreiches Nachwort und ein Glossar runden das Buch ab. Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Es zeigt, dass viel Mut dazu gehört, wenn man sich den Kräften widersetzen muss, die den Glauben für ihre Zwecke missbrauchen. Ein Zitat von Raimund, das er wenige Tage, nachdem alles vorbei war, geäußert hat, möge meine Rezension abschließen. „...Und wir müssen erforschen, was damals wirklich geschehen ist. Mehr noch, wir müssen verstehen, was Jesus wirklich gemeint hat. […] Auch zusammen mit euch Juden, schließlich war Jesus einer von euch...“

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