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Posted on 19.8.2021

Sommer – Jahreszeiten Zyklus Sommer … schon das Wort zaubert Erinnerungen, Düfte, Wärme und wunderschöne faule Tage am See herbei. Auch das fängt Ali Smith im Abschlussband ihrer Tetralogie ein. Weshalb ich Tetra- statt Quadrologie schreibe? Weil die vier Jahreszeitenbände zusammengehören und doch selbständig zu lesen sind. Aber weshalb sollte man das tun, einmal angefixt von Ali Smith unnachahmlicher Schreib- und Erzählkunst wird man sich sicherlich durch ihr gesamtes Werk lesen wollen. Smith beginnt diesen Romanzyklus mit „Herbst“ und endet mit „Sommer“. Dem Sommer 2020. Die Pandemie zeigt sich, zumindest in Großbritannien ein wenig, hat aber noch nicht dieses allseits belastende Ausmaß angenommen zu dem sie sich entwickeln sollte. Es ist 2020 das Ausmaß an Unwahrheiten, Unterdrückung von Minderheiten und Nichtbeachtung der Klimaveränderungen ruft Proteste hervor: „Millionen von Menschen sagten es nicht. Millionen und Abermillionen, im ganzen Land und auf der ganzen Welt sahen das Lügen, sahen wie übel Menschen und dem Planeten mitgespielt wurde und erhoben die Stimme, auf Demonstrationen, bei Protesten, bei Wahlen …“ Doch die Mächtigen dieser Welt setzen ihnen ein achselzuckendes und? entgegen und lügen weiter unverholen. Manipulieren, demonstrieren Gleichgültigkeit, ignorieren.“ Sacha ist 16 und tut das nicht, sie setzt sich für den Planeten ein, während ihr Bruder, trotz seiner Intelligenz, vollends auf die wahnwitzigen Versprechungen des Neoliberalismus vertraut. Er ist 13, hochbegabt, wurde gemobbt und verehrt Albert Einstein. So begibt sich die leicht dysfunktionale Teilfamilie auf die Suche nach Einsteins Englandstationen. Grace, die Mutter der beiden möchte dabei den Sommer, als sie in der Jugend mit einer Shakespeareschauspielertruppe durchs Land zog wiederentdecken. Ein wenig Heilung nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Auf die Idee kamen sie durch Art und dessen Exfreundin die bereits in einem anderen Jahreszeitenroman auftraten. Ebenso wie Daniel Gluck, der gerade altersbedingt seine Denkfähigkeit verliert. Er war als junger Mann in einem Lager für „feindliche Ausländer“ interniert, dabei kam er mit seinem Vater nach England, um Schutz vor den Nazis zu finden. All diese Geschichten verwebt Ali Smith zu einem feinen, manchmal poetischen oder an Literatur anknüpfenden Gesamtkunstwerk. Mit Sommer gewann sie den Orwell Prize for Fiction 2021. Wer wenn nicht sie. Denn Ali Smith ist eine Autorin, die etwas zu sagen hat, man sollte ihr zuhören, denn auch wenn ihre Romane in Großbritannien spielen, sind sie, zumindest was die westliche Welt betrifft, universell. Die Spaltung der Gesellschaft durch die drängenden Probleme unserer Zeit und den Umgang damit, sind im vom Brexit geplagten England keine anderen, als jene in Deutschland oder den USA oder Frankreich, Spanien, Griechenland … Überall brennt es, manchmal im Wortsinn, aber immer gibt es Menschen und spaltenden Hass, der, befeuert durch (a)soziale Medien und Fake News, versucht einen Staus Quo zu erhalten, der den Planeten zwar zerstören wird, die fatale Gier einiger weniger nach Macht und Geld aber ansatzweise befriedigt. Ansatzweise weil es kurzfristig und kurzsichtig ist. Diese Denke „nach mir die Sintflut“ scheint weit verbreitet in Großaktionärs- Politker- und Konzernlenkerkreisen. Dazwischen gibt es diese kleinen, fragilen, unsicheren Menschenleben, so unwichtig und dabei doch so einzigartig, spannend und wunderbar. So leicht und intensiv wie diese Autorin die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen vermag, und trotz aller Komplexität locker erzählt, Kunst, Politik, Gesellschaft und Schönheit verquickt und festhält, das ist wirklich großartig. Absolute Lesempfehlung für den Jahreszeitenzyklus. 28 Dodos für Ali Smith samt dem Dodo Award. Ich war mal wieder hingerissen und weggetaucht. Komplimente an die grandiose Übersetzerin Silvia Morawetz und die Umschlaggestaltung von Luchterhand.Wer das Vergnügen noch vor sich hat, der Herbst naht und dann ist die Zeit einzusteigen und mitzulesen.

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