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Buchdoktor

Posted on 23.5.2021

Ein nostalgisch-sommerlich wirkender Halbleinenband mit drei Kindern, Hund, Leuchtturm und Schwedenhäusern auf dem Cover verspricht eine traumhafte Feriengeschichte. Durch die schwere Krankheit von Vater Tom hat Familie Fröhlich eine sehr traurige Phase hinter sich. Mari, das mittlere ihrer drei Kinder, ist noch immer wütend auf alles und jeden, der ältere Sohn Kurt hat sich wortlos in seinen Hoodie und seine Brüllmusik zurückgezogen, findet Mari. Als sie um das Leben ihres Vaters bangen mussten, waren die Kinder sich sehr nahe und hätten ohneeinander die schwere Zeit nicht überstanden. Als Mutter Paula verkündet, sie würden die gesamten Ferien gemeinsam auf der winzigen Insel Solupp verbringen, mag Mari kaum glauben, dass ihre pflichtbewusste Mutter ihre Arztpraxis so lange einer Vertretung überlassen wird. Noch niemals waren sie gemeinsam 6 Wochen verreist! Gerade Paula braucht offenbar Abstand von der Welt der drängelnden Telefone. Auf Solupp mit seiner Handvoll Einwohner muss sie sich wenigstens nicht um das schwache Immunsystem ihres schwerkranken Mannes sorgen. Früher lebten Walfänger auf der Insel und noch heute muss man zum Telefonieren erst mit dem Fährboot aufs Festland. Der 14-jährige Joon, mit weißen Haaren im Vampir-Style und offenbar die gute Laune in Person, begrüßt die Fröhlichs am Fähranleger und transportiert ihr Gepäck mit der Ponykutsche zum „Heckenrosenhaus“. Jemand - oder das Haus - scheint seine Besucher bereits gut zu kennen. Auf Mari wartet das Kapitänszimmer mit Wandgemälde eines Meerjungen, aus dessen Fenstern man früher in vier Himmelsrichtungen Ausschau halten konnte nach den Männern auf See. Kurt bekommt - passend - das Grufti-Zimmer mit schwarzer Bettwäsche und Paul wird für die Familie kochen. Das Geheimnis des Meerjungen löst sich schon bald. Aber warum der Leuchtturm stillliegt und was das kratzig klingende Wort Keilkliff bedeutet, daran haben die Kinder und ihre Freunde von der Insel die gesamten Ferien hindurch zu knacken. Als die Tage kürzer werden und die verbleibende Ferienzeit immer schneller schrumpft, hat die Insel auf ihre Besucher wie der Zaubertrank einer guten Fee gewirkt. Bela überwindet seine Angst vor dem riesigen Hund Feinur, Paula lernt ihre Sorgen und ihr Pflichtgefühl loszulassen, Mari entdeckt ihr Talent zum Reiten, obwohl sie nie ein Pferdemädchen war, und Kurt wird seine Ängste zunächst entdecken und schließlich überwinden. Die Insel und ihre Geheimnisse haben die Kinder aus ihren Einzelkokons herausgeholt und sie als Geschwister neu zusammengeschweißt. Da am versöhnlichen Ende der Geschichte nicht alle Geheimnisse vollständig geklärt sind, bleibt Figuren und Lesern die Hoffnung, dass dies nicht der letzte Sommer der Fröhlichs auf Solupp war. Die jugendliche Zielgruppe wird vom Fokus auf die circa 12-jährige Mari und von den Geheimnissen der ehemaligen Walfänger-Insel sofort eingefangen. Natürlich müssen auch in diesem Jugendbuch die Helden ausreichend Zeit ohne Erwachsene verbringen, um aus eigener Kraft Schätze zu finden und Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Erwachsenen Lesern/Vorlesern bietet Annika Scheffels berührendes Inselabenteuer eine weitere Ebene, um über Trauer und Verluste nachzusinnen und darüber, was ein Schatz ist – Gold und Edelsteine waren hier sicher nicht damit gemeint.

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