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mabuerele

Posted on 14.4.2021

„...Natürlich, dachte er selbstironisch lächelnd, man kann nicht das ganze Leben auf einem Drahtseil balancieren, ohne irgendwann abzustürzen...“ Dieser Gedanke geht Siegfried Rost durch den Kopf, als er – gleich zu Beginn des Romans – seinem Mörder gegenüber steht. Wir schreiben das Jahr 1982 und befinden uns in einem düsteren Hinterhof in Dresden Neustadt. Am frühen Morgen wird der Tote von der Krankenschwester Sabine gefunden. Leutnant Uwe Friedrich wird an den Tatort geschickt. Er will alles tun, um den Fall aufzuklären. Der Autor hat einen spannenden Krimi aus einer noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit geschrieben. Der Schriftstil ist den Zeitverhältnissen angepasst. Wer diese Zeit selbst erlebt hat, spürt in jeder Zeile, dass der Autor weiß, wovon er schreibt. Dass zeigt sich unter anderen in der Beschreibung der Mangelwirtschaft. Meist gilt: Beziehungen schaden nur dem, der keine hat. Lassen wir Uwe zu Wort kommen: „...Dass es noch ein langer Weg war, bis Konsumgüter in ausreichender Menge zur Verfügung standen, wusste Uwe. Er war jedoch überzeugt, dass sich die Engpässe nach und nach in Luft auflösen würden...“ Er war noch jung und hatte wenig Ahnung von der Praxis. Mit diesem Fall aber würde sich manches ändern. Gekonnt werden die politischen Verstrickungen wiedergegeben. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, werden Ermittlungen kurzerhand abgebrochen, zumal auch wichtige wirtschaftliche Interessen tangiert werden. . Als sich Uwe der Anweisung nicht beugen will, wird es brisant. Doch der junge Mann ist intelligent. Aus dem Stapel alter Fälle auf seinem Schreibtisch sucht er sich genau den heraus, der mit Sicherheit den aktuellen Mord tangiert. Damit bekommt er wieder einen Fuß in die Tür. Noch ahnt er nicht, dass ihn sein Vorgesetzter Major Günzel auf Grund alter Seilschaften gekonnt den Rücken frei hält. Sehr gut gefällt mir, dass die Charakterisierung der Personen geschickt in den Handlungsablauf eingebettet wird. So meint Uwe über Ludwig Unger, seinen unmittelbaren Chef: „...Sein pedantischer Chef verfügte über eine ausgezeichnete Kombiniergabe, aber Sensibilität oder Geduld kamen in seinem Vokabular nicht vor...“ Es ist eine schwierige Zeit, um seinen Gegenüber richtig einschätzen zu können. Nicht jeder, der eine Uniform trägt – ob sichtbar oder unsichtbar – ist auch gleichzeitig ein aktiver Mitläufer. Eine besondere Gemengelage ergibt sich daraus, dass Uwe Sabine mag und sich zwischen beiden langsam ein Beziehung aufbaut. Uwe mag seinen Beruf. Er möchte für Recht und Ordnung sorgen, ist aber politisch wenig interessiert. Sabine geht in die Kirche und engagiert sich in der Friedensbewegung. Sehr betroffenen machen mich die Gedanken eines Stasi – Offiziers, der gerne mal Grenzen überschreitet. Leider hat er nicht Unrecht. „...Arbeitslos würde er in diesem Staat nicht so schnell werden, und sollte das System mal zusammenbrechen, wäre das kein Beinbruch für ihn. Spezialisten wurden überall gesucht, ihm war es egal, ob sein Arbeitgeber Stasi, Verfassungsschutz, CIA oder Mossad hieß...“ Es sind solche Charaktere, die aus persönlicher Gier die Menschenwürde mit Füßen treten. Ab und an blitzt ein feiner Humor auf. „...Günzel hob die Schultern. „Ich glaube, der ist aus dem Deli. Ob die Flasche nur mal neben einer Landkarte von Irland gestanden hat oder ob der Schnaps tatsächlich von der Grünen Insel stammt…?...“ Am Ende wird der Fall aufgeklärt. Nicht jeder allerdings bekommt die Strafe, der er verdient hätte. Obwohl es über viele Seiten des Buches anders zu vermuten war, steckt hinter dem Mord kein politisches Motiv, sondern profane Rache. Eine Einläuterung wichtige Begriffe aus der DDR - Zeit findet sich im Anhang. Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen.

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