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sursulapitschi

Posted on 11.2.2021

So ein Buch bekommt man nicht oft zu lesen. Jiyoung ist eine junge Mutter, die sich plötzlich merkwürdig verhält. Ihr Psychiater erzählt von ihrer Situation und von ihrem Leben und holt dabei ganz weit aus. Jiyoung hat schon als Kind gelernt, dass Männer wichtiger sind. Ganz selbstverständlich wurden Vater und Bruder bevorzugt behandelt. In der Schule, beim Studium, im Beruf, überall finden die absurdesten Ungerechtigkeiten statt, die die koreanische Gesellschaft als ganz normal zu empfinden scheint. Trotz bester Noten konnte sie nicht ihren Wunschberuf ergreifen und ihrer Mutter ist es nicht besser ergangen. Sehr sachlich wird hier Jiyoungs Familiengeschichte ausgerollt. Ihre Mutter wäre gerne Lehrerin geworden, musste aber schon mit 14 Jahren Geld verdienen, damit die Brüder studieren konnten. Sie hat am eigenen Leib erfahren, was Mädchen zu erdulden haben und unterstützt ihre Töchter, wo sie kann. Trotzdem hat sie nur wenig Einfluss. „Laut einer Statistik aus dem Jahr 2014 verdienen Frauen OECD-weit umgerechnet 844 Dollar auf 1000 Dollar Einkommen der Männer, in Korea sind es lediglich 633 Dollar. Auch auf dem Index zur Gläsernen Decke, den die englische Zeitschrift Economist im Jahr 2016 veröffentlichte, steht Südkorea auf dem letzten Platz der untersuchten Staaten und ist damit das Land, in dem Frauen am härtesten arbeiten müssen.“ Ohne Zweifel behandelt dieses Buch ein wichtiges Thema, deckt haarstäubende Missstände auf, die sogar heute noch viele koreanische Frauen klaglos hinzunehmen scheinen, weil sie gelernt haben, sich nicht zu beschweren. Literarisch ist es allerdings keine Sensation. Der Erzählstil ist nüchtern, berichtend, was natürlich zu einem erzählenden Psychiater passt, nur ein Vergnügen ist das Lesen eher nicht. Ich habe schon Sachbücher in einem geschliffeneren Stil gelesen. Auch der Plot ist raffinierter gemeint als ausgeführt. Es wäre eindrucksvoll und plausibel, Jiyoung beim Verrückwerden zuzusehen, nur findet die Entwicklung dahin kaum statt. Irgendwann ist es eben so, man kann es ihr nicht verdenken, aber ein geniales Buch hätte das fühlbar gemacht. Ich kann gut verstehen, dass so ein Buch in Korea große Wellen schlägt, scheint doch allein schon der Protest ungehörig für eine Frau zu sein, selbst heute noch. Es ist ein aufschlussreiches Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es ein klein wenig mehr berührt. Ein lohnenswerter Ausflug nach Korea war es trotzdem.

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