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Wordworld

Posted on 16.12.2020

In ihrer Danksagung schreibt Maggie Stiefvater, dass Wunder und Geschichten manchmal dasselbe sind. Da würde ich ihr uneingeschränkt zustimmen und auch hier haben wir es mit einer Geschichte zu tun, die mit ihrer düsteren und doch so hoffnungsvollen Atmosphäre, dem feinen, ironischen Humor und der tiefen Wahrheit, die unter ganz viel Unglaublichem vergraben liegt, definitiv einem Wunder nahe kommt. Nachdem ich die "Ravenboys-Reihe" und "Nach dem Sommer" der Autorin schon gelesen und geliebt habe, hatte ich natürlich recht hohe Erwartungen an die Geschichte (auch wenn ich wirklich versucht habe, es neutral anzugehen), welche jedoch rückblickend auf jeden Fall erfüllt wurden auch wenn ich die Kritikpunkte meiner Vorrezensenten durchaus nachvollziehen kann! "Jedes Soria Wunder hatte dasselbe Ziel: den Geist zu heilen. Das hatte sich Daniel Soria n der vergangenen Nacht immer wieder vorgehalten. Seine Lage war keine Strafe, sagte er sich. Diese Lage war ein Wunder. Aber sie fühlte sich nicht wie ein Wunder an." Das Cover ist -wie eigentlich alle Stiefvater-Romane- ein wirklicher Blickfall und einfach besonders! Als ich das englische Originalcover zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich sofort in es verliebt so wie Pete in die Wüste. Und als ich die dann deutsche Ausgabe entdeckt und gesehen habe, dass sich dieses kaum vom Original unterscheidet, war ich wirklich glücklich und wusste: das muss ich im Regal stehen haben! Mit der kräftigen türkis-blauen Hintergrundfarbe und dem komplementären Orange der Sonne sticht die Komposition schon durch ihre Farben ins Auge. Zusammen mit den verschnörkelten Rosenranken und der weißen Eule wird dann die inhaltliche Passung gewährleistet. Der weiße, prominente Titel passt ebenfalls gut, auch wenn mir der englische Titel "All the Crooked Saints" viel besser gefällt. Ich kann aber durchaus verstehen, warum der Verlag den Titel nicht direkt übersetzt hat, das würde auf Deutsch eher komisch als mystisch klingen. Mit den rosenbedruckten Leselaschen, dem grell-orangenen Buchschnitt und den Rosenranken an jedem Kapitelbeginn wird die wunderbare Gestaltung noch abgerundet! Erster Satz: "Nach Einbruch der Dunkelheit ist ein Wunder sehr weit zu hören." Mit diesem Satz steigen wir eine dunkle Wüstennacht im Jahr 1962 ein, in der die Luft vor Wunder und Radiowellen nur so knistert und Eulen aufgeregt herumflattern. Wir lernen die drei Soria-Cousins Beatriz, Daniel und Joaquin kennen, die Radiowellen ihres Piratensenders von einem alten Lastwagen aus in die einsame Wüste schicken, in der Pete Wyatt und Tony DiRisio gerade auf das Örtchen Bicho Raro zuhalten - Tony weil er dringend ein Wunder braucht und Pete weil ihm eben jenen Lastwagen versprochen wurde. Klingt skurril? Dann wartet ab was passiert als einer er beiden Neuankömmlingen durch sein erstes Wunder zum Riese wird, ein Mädchen beschließt, in die Wüste zu laufen und der Heilige von Bicho Raro, aus Liebe seine eigene Dunkelheit über sich bringt. Denn die Sorias bieten zwar schon seit Jahrhunderten verlorenen Seelen an, ein Wunder an ihnen zu vollziehen und ihre Dunkelheit für sie sichtbar zu machen, doch den zweiten Teil des Wunders - die Bewältigung ihrer Dunkelheit - müssen sie ganz alleine hinbekommen. Und wer sich diesem uralten Gesetz widersetzt und sich in ein fremdes Wunder einmischt, der bringt selbst eine Dunkelheit über sich. Und wenn die Sorias eines wissen dann dass mit Wundern und der Dunkelheit genauso wenig zu spaßen ist wie mit Antonia Sorias tollwütigen Hunden... "Trägst du die Dunkelheit in dir?" "Ja", antwortete Tony. "Und willst du davon befreit werden?" (…) "Ja." Draußen begannen Eulen mit den Flügeln zu schlagen und zu schreien. Virginia-Uhus riefen. Kreischeulen schrillten. Die Schleiereulen gaben ihr metallisch klingendes Fauchen von sich. Streifenkäuzchen miauten. Brillenkäuze bellten hohl. Sperlingskäuze piepsten. Die Elfenkäuze lachten nervös. Der misstönende Lärm schwoll an, und die Luft wurde immer noch wundersamer. Daniel schlug die Augen auf. Die Dunkelheit begann hervorzutreten." Erstmal muss ich gestehen, dass mich das Buch anfangs gar nicht so fesseln konnte. Die Geschichte plätscherte dahin, die Stimmung der 60er Jahre in Amerika wurde zwar gut transportiert, durch die vielen unterschiedliche Charaktere und die skurrilen Handlungssprünge ist es aber erstmal schwierig in die Handlung einzusteigen. Dass Maggie Stiefvater wieder bei jedem Kapitel zu der Sicht eines anderen Hauptcharakters springt, der seine Gedanken, Gefühle, Taten und Erlebnisse als personaler Er-Erzähler wiedergeben kann macht das natürlich auch nicht einfacher. Nach 3 Kapiteln war ich jedoch in der Geschichte angekommen und der Lesespaß konnte losgehen als ich den roten Faden gefunden hatte: eine eigenartige Mischung aus klassischem Urban Fantasy mit Spiritualität, Märchen, Roadnovel, Bewältigungsgeschichte und einer guten Prise Verrücktheit. Alles umrahmt von ihrem unverwechselbaren Stiefvater-Stil und fertig ist die unkonventionelle, magische und einzigartige Geschichte. Auch wenn der Roman nicht gerade viele Szenen aufweist, in denen wirklich Schlag auf Schlag viel passiert, bleibt durchgängig eine brodelnde Grundspannung erhalten. Leise, pfiffige Details, das unglaublich magische Setting und nicht zuletzt der tolle Schreibstil sorgen für eine wundervolle Atmosphäre, die einen nicht mehr loslässt. Teilweise ist die Geschichte wirklich sehr skurril und abgedreht, aber genau das macht sie eben aus, sodass mir das Buch bald mehr wie eine Ansammlung kunstvoll miteinander verwobener Einzelgeschichten erschien und ich aufs Neue von Stiefvaters Ideenreichtum verzaubert war. "Wunder wie etwas zu behandeln, dass der Logik gehorchte, führte dazu, dass man sie nicht mehr so unheimlich fand, und das machte sie nicht nur noch gefährlicher, sondern auch weniger heilig und daher weniger bedeutsam. Diese Überzeugung ist recht verbreitet, aber sie tut sowohl der Wissenschaft als auch der Religion keinen Gefallen. Indem wir Dinge, die wir fürchten und nicht verstehen der Religion zuweisen, und die Dinge, die wir verstehen und kontrollieren können der Wissenschaft, berauben wir die Wissenschaft ihres künstlerischen Ausdrucks und die Religion ihrer Wandlungsfähigkeit." Der geringe Umfang und die niedrige Handlungsdichte wird neben aberwitzige Drehungen und Wendungen vor allem durch den wundervollen Schreibstil der Autorin wettgemacht. Wie schon erwähnt trägt der leicht verrückte Stil Maggie Stiefvaters zur Entwicklung der Anziehungskraft des bildgewaltigen Epos´ einen großen Teil bei. Mit bildgewaltigen, beschreibenden Worten (für die sie auch oft Klammern und Spiegelstriche verwendet) lässt sie die Charaktere und das Setting für einen kurzen Moment wahr werden und schenkt uns einige Stunden voller Fantasie, Magie, Liebe, Freundschaft und düsteren Geheimnissen. Dabei verwendet sie hier besonders viele Metaphern und schöne Sinnbildern über Dunkelheit, Einsamkeit und Ängste, womit sie wunderschöne Botschaften und Anspielungen mit einem Augenzwinkern rüberzubringen schafft. In ganz eigener Handschrift schreibt sie mal erklärend, mal kurz angebunden, mal emotional, mal kalt, mal melancholisch, mal locker, mal traurig, mal glücklich, mal wütend, mal resigniert - ein kunterbuntes Durcheinander das vor allem eines ist: magisch! "Es war sehr still. Niemand hätte sie gesehen, wenn die Wüste nicht gewesen wäre. Doch als die Wüste Pete Wyatt ein Liebeslied singen hörte, merkte sie auf. Als sie Pete singen hörte, ließ sie also Wind um die beiden aufwirbeln, bis die Brise wie safte Streicher klang. Sie hörte Pete singen und ließ die Luft um jeden Stein und jede Pflanze kühler werden, bis all das seine Stimme harmonisch begleitete. Sie hörte Pete singen und trieb die Heuschrecken Colorados dazu an, leise Bläser zu imitieren, und sie ließ den Boden unter Bicho Raro sanft erbeben, sodass Sand und Staub den Takt schlugen, im Rhythmus des unvollständigen Herzens in Pete Wyatts Brust." Zu der eher düsteren Atmosphäre passt das tolle Setting des Wüstenörtchen Bicho Raro perfekt. Die kleine Ansammlung an Häusern mitten in der erbarmungslosen Wüste Colorados schreit förmlich: "Wunderlich" und mit vielen kleinen Details wird dieser sonderbare Ort lebendig. Eine Wüste, die sich verliebt, ein Kampfhahn, der endlich Frieden mit sich selbst schließt, schwarze Rosen, die sich einfach nicht züchten lassen wollen und eine Scheune, die beim 100sten Stupsen des Windes in sich zusammen gefallen ist, Radiowellen, die sich aus versehen nach Skandinavien verirren - auf solche Ideen kommt wirklich nur Maggie Stiefvater und auch nur sie bekommt es hin, die nachdenklich-melancholisch-gefärbte Atmosphäre gekonnt an den richtigen Stellen durch ihren trockenen Humor aufzulockern und mich so das ein oder andere Mal zum Grinsen zu bringen. "Pete war auf der Stelle verliebt. Dieser befremdlichen kalten Wüste ist es gleich, ob man in ihr lebt oder stirbt, aber er verliebte sich trotzdem in sie. Er hatte nicht geahnt, dass irgendein Ort so rau und so unmittelbar sein konnte, so dicht an der Oberfläche. Sein schwaches Herz spürte die Gefahr sehr wohl, konnte jedoch nicht widerstehen. Er verliebte sich so heftig, dass selbst diese Wüste es bemerkte. (…) Und die Wüste, so wenig mitfühlend oder gar sentimental, war gerührt, und zum ersten Mal seit langer Zeit erwiderte sie eines Menschen Liebe." Der letzte Puzzlestein sind dann die Charaktere. Diese sind hier sehr tiefgründig und mit viel Potential angelegt, werden durch den geringen Umfang der Geschichte und der aberwitzigen Zahl an verschiedenen Protagonisten zum Teil leider nur grob gestreift. Durch die total durchgedrehten Eingangsworte zu jedem Charakter, in dem wir seinen sehnlichsten Wunsch und seine tiefste Angst erfahren (unten zwei Beispiele dazu, wirklich zum totlachen). Neben der schrägen Familie Soria und all ihren Entfernten Verwandtschaftsgraden muss man sich auch die Namen und Wunder der etlichen Pilger merken, die in Bicho Raro festsitzen und auf ihr zweites Wunder warten. Da wären zum einen das entfremdete Paar Antonia und Francisco Soria, die eine immer wütend, der andere immer in seinem Gewächshaus, der immer arbeitende Michael Soria, die immer ängstliche Judith Soria und ihr Macho-Mann Eduardo Soria, Daniel und Beatriz Cousin Joaquin Soria, der mittels Funkpiraterie eine Karriere als Radio-DJ "Diablo Diablo" starten will, Daniel Soria, der heiligste Soria, der die Wunder durchführen darf und natürlich Beatriz Soria höchstselbst, die scheinbar keine Gefühle hat, gerne Gefühle von oben betrachtet, erst Angst hat wenn diese begründet und berechtigt ist und sich mit ihrem Vater nur über eine erfundene Geheimsprache unterhält. Dazu kommt der junge Pete, der nicht als Pilger nach Bicho Raro gekommen ist, sondern vor seiner gescheiterten Karriere beim Militär und seinem Loch im Herzen flieht und sich hier einen Lastwagen durch Arbeit verdienen will. Und natürlich die Pilger, die alle ihre Lektion zu lernen haben: Die durch eine Riesenschlange aneinandergefesselten Zwillinge, die sich zusammen schließen müssen um getrennt sein zu können, der Radio-Riese Tony, der verstehen muss, dass es gar nicht so schlimm ist, die eigene Größe dazu zu nutzten, die Stimme eines anderen hochzuhalten, damit sie ein wenig lauter zu hören ist, die weinenden Marisita, deren ewige Regenwolken verhindern, dass die Monarchfalter auf ihrem Hochzeitskleid davonfliegen muss lernen, sich selbst zu verzeihen... Wir bekommen hier viele verschiedene Arten von Lebenskrisen und Bewältigungsstrategien auf fantastische Art und Weise vorgesetzt und können als Essenz mitnehmen: jede Dunkelheit kann bekämpft werden und je schneller man sich dieser bewusst wird, desto effektiver kann man sie loswerden! "Das wollte Judith: zwei Goldzähne, wo sie niemand sehen würde, aber sie immer wüsste, dass sie da wären. Und dies fürchtete sie: vor Arztterminen, gleich welcher Art, Formulare ausfüllen zu müssen. (…) Das wollte Eduardo: dass Sänger mitten im Lied innehielten, weil sie lachen musste. Und dies fürchtete er: dass sich Katzen auf sein Gesicht legen und ihn im Schlaf ersticken." Insgesamt also eine bunte Mischung, die seltsamer nicht sein könnte, mir aber das Herz erweicht hat, ohne das ich es bemerkt habe. Maggie Stiefvater setzt Gefühlsbeschreibungen nur ganz dezent und gezielt ein - ganz im Gegensatz zu manch anderen Romanautorinnen wie zum Beispiel Colleen Hoover, deren Gefühlswucht fast erdrückt. Manchen mag das zu spärlich sein, doch ich finde die zarten Andeutungen und leisen Annäherungen sind viel berührender als brodelnde Leidenschaft. Und so nimmt diese wundervolle Geschichte voller Kreativität, Dunkelheit, Wahrheit, Liebe, Heilige und Wunder ihren Lauf und gipfelt am Ende in einem epischen Finale! "Eine Wolke von Emotionen ballte sich um das Radio in Eduardos Pick-Up: Entsetzen, Wut, Freude, Stolz und schließlich, als Eulen die Pilger zu umkreisen begannen, Sorge. Ungewirkte Wunder hingen dick in der Luft und machten die Vögel ganz verrückt. Sie kreischten und sausten durch die Luft, dass die Federn stoben. Die Pilger steckten voller zweiter Wunder und die Sorias voller erster." Fazit: Die Kraft des Übernatürlichen, eines Wunders wird genauso eindrücklich geschildert wie die Kraft der Liebe, des Muts und der Freundschaft, sodass diese Geschichte trotz ihrer skurrilen Handlung doch so nah an der Wirklichkeit ist, dass sie mich tief berühren und mir einiges mitgeben konnte. Mit der düsteren und doch so hoffnungsvollen Atmosphäre, dem feinen, ironischen Humor und der tiefen Wahrheit, die unter ganz viel Unglaublichem vergraben liegt, kommt der Roman definitiv selbst einem kleinen Wunder nahe!

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