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Buchdoktor

Posted on 9.12.2020

Miriam Goldschmidt ist 15, als sie auf dem Schulgelände einen anaphylaktischen Schock mit Atemstillstand erleidet. Ihr Sportlehrer findet sie zufällig, seine Wiederbelebungsmaßnahmen retten ihr Leben. Miriam wird im Krankenhaus gründlich untersucht, der Auslöser ihrer Probleme jedoch nicht gefunden. Ein Allergen, Kälte, eine genetische Disposition sind denkbar. Welche Materialien sind in unserem Haus und in der Schule eigentlich verbaut, würden sich besorgte Eltern sicher fragen. Das Familienleben der Goldschmidts scheint von diesem Tag an stillzustehen. Die Familie wird gemeinsam zum Patienten unter der Fuchtel eines uneffektiven Gesundheitssystems, das die Eltern von nun an als „Mama“ und „Papa" anspricht. Die Angst vor einem erneuten Atemstillstand wird die Goldschmidts nicht mehr verlassen. Während Miriam noch im Krankenhaus ist, drängen bisher ignorierte Konflikte an die Oberfläche. Emma Goldschmidt ist als Allgemeinärztin schon immer mit den Vorwürfen ihrer Familie konfrontiert, sie arbeite zu viel und könne in ihrer knappen Freizeit nicht abschalten. Vater Adam sollte als Hausmann mit stundenweiser Lehrtätigkeit den Haushalt mit zwei Töchtern organisieren. Adam wirkt wie ein perfekter Vater aus dem Bilderbuch, der sich jedoch ständig selbst beweisen muss, dass er seine Sache gut genug macht. Obwohl die Töchter längst den ganzen Tag über in der Schule sind, scheint seine Hausarbeit nicht weniger zu werden. Für Akademiker, die wegen ihrer Familie ortsgebunden sind, gibt es keine Stellen – in dieser Haltung scheint Adam zu verharren. Das Leben der Goldschmidts wird von nun an von der Sorge um Miriam beherrscht. Wo ist sie, atmet sie, hat sie ihren Epi-Pen dabei. Für eine 15-Jährige, die bisher täglich dem verhassten Patriarchat die Zunge herausgestreckt hatte, geht das gar nicht. Ihre jüngere Schwester Rosa reagiert eifersüchtig auf die Patientin; sie möchte endlich eine Katze. Ein Anruf von Adams Vater lenkt den Blick auf die Familiengeschichte. Eli Goldschmidt kam aus den USA nach England, um dem Kriegseinsatz in Vietnam zu entgehen; Adams Mutter, eine geübte Schwimmerin, ertrank als junge Frau beim Schwimmen im Meer. Auch Elis Leben war bereits von “Gezeitenwechseln“ geprägt und offensichtlich von der folgenden Generation zu wenig beachtet. Überraschend für alle, wird es Eli sein, der die Familie von nun an stützt. Sarah Moss lässt einen Hausmann vom normal-verrückten Alltag mit schulpflichtigen Kindern erzählen. Die Ereignisse rückt sie durch den Rollenwechsel der Eltern in ein besonderes Licht., verfremdet sie an anderen Stellen durch einen märchenhaften Stil. Rückblenden lassen bis zum Schluss hoffen, dass für Miriams gesundheitliche Probleme doch noch ein Auslöser entdeckt wird. Ein dritter Handlungsfaden stellt eine Verbindung zur Zerstörung der Kathedrale von Coventry her, er könnte für die existenzielle Bedrohung stehen, aber auch für Adams Berufsidentität als Wissenschaftler, die lange zu kurz gekommen ist. Das Spiel mit wechselnden Erzählern und Tonlagen hat mich nicht unbedingt überzeugt, die stärkste Wirkung hatte die Botschaft: Lass Jugendliche sein wie sie sind, du kannst nicht jede Minute in ihrem Leben überwachen.

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