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Buchdoktor

Posted on 5.12.2020

Der Chi, der Schutzgeist des jungen Nigerianers Chinonso Solomon Olisa, wird von den Göttern vorgelassen und darf für seinen Schützling sprechen, der unwissentlich einer Frau Leid angetan hat. Ohne einen Schutzgeist wäre ein Igbo nur eine leere Hülle; denn Verstand, Körper und Chi machen in der Igbo-Kosmologie den Menschen aus. Ein Körper ohne Chi wäre leichte Beute fremder Geister und anfällig für psychische Erkrankungen. Umgekehrt fühlt sich der Chi nicht wohl, wenn er die menschliche Hülle seines Schützlings verlässt und kehrt stets so schnell wie möglich wieder zurück. Ein Chi kann die Erfahrung aus hunderten von Jahren gesammelt haben und soll sich dennoch nicht ins Leben seines zu Beschützenden einmischen. Der hier erzählende Chi spricht in Gleichnissen und Beispielen aus dem Tierreich. Direkt auf den Punkt zu kommen, gehört sicher nicht zu seinen Talenten und ist in einer Kultur überflüssig, die für Konflikte in Verhandlungen eine einvernehmliche Lösung sucht. Chinonsos Chi berichtet in der Ichform vom Schicksal seines Schützlings, aber auch vom Konzept der Wiedergeburt, in dem die Seele nach dem Tod die Schwelle zwischen den Welten überquert, im Reich der Ahnen empfangen wird und anschließend wieder auf die Erde hinabsteigt. Die Handlung spielt in unserem Jahrtausend. Chinonso züchtete nach dem Tod seiner Eltern allein Hühner auf der elterlichen Farm und schien so zufrieden wie erfolgreich damit zu sein. Er ist der Hüter seiner Hühnervögel und beschützt sie vor Kranheiten und dem Habicht. Nur sein Onkel hat kein gutes Gefühl dabei, dass sein Neffe unverheiratet auf der Farm haust; denn dessen Leben scheint durch den Tod des Vaters ein Loch bekommen zu haben. Als Chinonso Ndali kennenlernt, von der er vermutet, dass sie sich in den Fluss stürzen wird, geht es mit seinem überschaubaren Leben bergab. Sein früherer Schulfreund Janike beschwatzt ihn, ein Studium im türkischen Teil Zyperns zu beginnen, um der Pharmaziestudentin ein ebenbürtiger Partner zu werden. Die Einschreibung werde er für Chinonso organisieren. Der junge Mann verkauft für diese Fantastereien seinen Besitz, obwohl der Verkauf von Land bei den Igbo bis dahin nicht üblich war. In Nikosia angekommen, muss er allerdings feststellen, dass Nigerianer nicht nur Weiße in fernen Ländern betrügen, sondern ihre eigenen Brüder. – Janike hat sich mit Chinonsos gesamtem Vermögen abgesetzt. Es folgt ein nahezu biblischer Leidensweg, bei dem der Chi nicht gerade hilfreich agiert; auch er wirkt überfordert von dem Unglück, in das der junge Geflügelzüchter sich nun stürzt. Als Chinonso geschlagen und zerschlagen in seinen Heimatort zurückkehrt, denkt er noch immer allein in archaischen Dimensionen von Besitz und Rache. Wenn ein junger Afrikaner auf einen betrügerischen Vermittler hereinfällt und in einem fremden Land strandet, liegt der Gedanke nahe an Menschen, die nur mit dem, was sie auf dem Leib tragen, und ihrem Handy an fernen Küsten stranden. Über Rache und Vergebung, über Versöhnung nach verheerenden Bürgerkriegen, es gibt viel nachzudenken über Chinonsos Leidensweg. Der geschwätzige Chi ist dabei allerdings keine große Hilfe. Ein kürzerer Text wäre nicht weniger eindrucksvoll gewesen. Chigozie Obioma erzählt sein archaisches Gleichnis von einer schwer vorstellbaren Unglückssträhne drastisch, dreckig und sexuell explizit. 3 1/2 Sterne

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