Profilbild von papierfliegerin

papierfliegerin

Posted on 2.12.2020

» 3.5 von 5 Sternen « Bevor die eigentliche Handlung startet, dürfen wir erst einmal ein wenig Zeit mit Emmi und ihrem Alltag verbringen und sie so nach und nach kennenlernen. Bald schon wird klar, dass sie etwas verbirgt, und auch ich als Leser erfuhr zunächst nichts genaueres über ihren Schicksalsschlag. Eine gute Möglichkeit, um den Charakter von vorn herein interessant und einnehmend zu gestalten. Doch auch die Chemie zwischen mir und Emmi stimmte zunächst noch. Sie war mir auf Anhieb sympathisch, wirkte sehr liebenswert und ihr undurchsichtiges Schicksal bringt ihr ebenfalls einige Pluspunkte ein. Leider entwickelt sich Emmi aber in eine eher schwierige Richtung. Die ganzen Lügen hätte ich ihr vielleicht noch verzeihen können, aber für mich wurden ihre Handlungen und Entscheidungen immer fragwürdiger. Sicher – ich kann mich nur schwer in ihre Lage versetzen und wäre ich an ihrer Stelle, würde ich mit Sicherheit auch anders denken und fühlen, als ich es jetzt tue; aber sie trieb mich mehr als nur einmal nahezu an den Rand der Verzweiflung. Sie bewies anfangs so viel Rückgrat, so viel Selbstständigkeit und Stärke; verlor diese positiven Eigenschaften immer mehr. Es wollte mir einfach nicht einleuchten, wie man sich so behandeln; wie man so mit sich umgehen lassen kann. Sie hat so viel Gutes verdient, und bekommt, gefühlt nur Schlechtes. Emmi hat eine tolle Einstellung zum Leben, bringt ein paar wundervolle Einwände und Gedankengänge ins Spiel und regt immer mal wieder nachdenken an. Es ist eben so eine Sache mit der Last, die sie trägt. Ist es da nicht nur normal, dass man vielleicht manchmal einfach nicht grübelt und alles zerdenkt, und dafür einfach lebt? Jetzt rückblickend muss ich zugeben, dass ich sie schon verstehen konnte – nur eben in den entsprechenden Momenten war es für mich teilweise befremdlich und wenig nachvollziehbar. Trotzdem mochte ich Emmi und wünschte ihr von Herzen alles erdenklich Gute in ihrem Leben und das ist es doch, was eine gute Protagonistin ausmacht. Dass man mit ihr mitfühlen und mitfiebern, mitleiden und mitlachen kann – und das war definitiv der Fall. Bei Vince, dem männlichen Protagonisten verhielt es sich ganz ähnlich. Anfangs fand ich ihn noch sehr interessant, so mürrisch und geheimnisvoll, wie er war. Außerdem spielte ihm auch sein Aussehen den ein oder anderen Pluspunkt ein. Leider aber wurde es mit seiner ungehobelten, rücksichtslosen und beinah aggressiven Art nicht besser. Dieser Mann ist derart launisch und unkontrolliert – fast als hätte er mehrere Persönlichkeiten in sich, die sich darum prügelten, mal für ein paar Sekunden an die Oberfläche zu kommen. Vom arroganten Arschloch zum hilfsbereiten Nachbarn zurück zum eifersüchtigen Idioten, der sich nicht in Zaum hat – und das alles binnen kürzester Zeit. Ich konnte ihn ab einem gewissen Punkt gar nicht mehr nachvollziehen und wusste ehrlich nicht, woran ich an ihm bin. Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich irgendwann Angst vor seinen Reaktionen und Handlungen bekam und konnte diesen selbstverliebten Depp einfach nicht mit dem in Einklang bringen, was Emmi in ihm sah. Es ist so unheimlich schade, weil ich ihn so gern gemocht hätte. Er hat schon so vieles erleben müssen und bringt deswegen einiges an Tiefgang mit. Aber es erklärte sein Verhalten nur in den seltensten Fällen. Man kennt es ja eigentlich: from Enemy to lover .. aber hier blieb Vince durchgängig der Feind für mich. Die Randfiguren hingegen gefielen mir wieder extrem gut. Ich habe besonders die beiden Freundinnen von Emmi sehr gemocht und spürte, wie ihre lebenfrohe Art die Stimmung immer wieder hochzeitig anhob. Doch auch Finn, Daniel, Emmi’s Mutter und selbst die scheinbar unwichtigste Person waren so greifbar und liebenswert ausgearbeitet, dass man sie einfach gernhaben musste. Ich könnte keinen nennen, der mir nicht sympathisch gewesen wäre, keinen, der nicht in die Geschichte passte. Die Nebencharaktere waren schlicht perfekt. Der Schreibstil von Nena Muck ist unheimlich greifbar und echt. Die sehr ungewöhnlichen Absätze bezwecken zwar, dass man ein paar Minuten braucht, um flüssig voran zu kommen, doch ist dies geschafft, lässt das Buch sich umso schneller und angenehmer lesen. Die Atmosphäre ist einnehmend und dicht, mitreißend und voller Abwechslung. Besonders gut gefielen mir die Dialoge, die nicht nur authentisch und lebendig ausfielen, sondern auch das Tempo bestimmten. Sowohl die tiefgründigen Gespräche, wie auch die Streitereien und die oberflächlichen Konversationen und unheimlich gut getroffen und machen einfach Spaß. Bildhaft und, wie schon erwähnt, einnehmend erzählt, versinkt man regelrecht in der Geschichte und kann dem Alltag für ein paar Stunden entfliehen. Ein weiterer Pluspunkt ist die Gliederung. Denn während wir anfangs nur aus Emmi’s Sicht lesen, verändert sich das im Laufe der Zeit. Ein wirklich geglückter Aufbau der Handlung, denn während so anfangs noch alles undurchsichtig bleibt, kommt nach und nach ein wenig Licht ins Dunkel und es offenbart sich das ein oder andere Geheimnis. Die Handlung hatte, wie auch der Rest, Stärken und Schwächen. Es ging sehr vielversprechend los; der Einstieg machte neugierig und offenbarte einiges an Potential. Auch der weitere Verlauf konnte durchaus noch überzeugen, immerhin hatte es alles, was ich mir von einem guten NA-Roman stets wünsche: Tiefe, Lebendigkeit und Gefühle. Der Schicksalsschlag von Emmi ist mal was Neues, zeigt mit dem Finger auf eine ganz offensichtliche Problematik, mit der wir uns viel zu selten beschäftigen (schwer zu erklären, ohne zu spoilern). Jedenfalls fand ich es toll, dass Nena Muck diesen Schritt gegangen ist und Emmi dieses Unglück verpasst hat. Es brachte so viele Möglichkeiten ins Spiel – und ich freute mich darauf, wie diese ausgeschöpft werden würden. Doch während die Sache mit der Protagonistin weiterhin sehr vielschichtig und spannend blieb, glitt die Handlung nach und nach ins Bekannte ab und wollte sich nicht mehr so entfalten, wie zu Beginn. Die Plots wiederholen sich, vieles sieht man schon kommen und das stetige Hin und Her zwischen den Figuren ist teilweise einfach anstrengend. Man wusste oft schon vorher, wie sich eine Szene entwickeln würde und in 99% der Fällen kam es dann auch so, wie vermutet. Treffen sich, es läuft ganz gut, bis wieder etwas geschieht und der große Krach stattfindet. Irgendwann fing ich an zu beten, dass es endlich ein Ende findet – denn teilweise war es für mich kaum auszuhalten. Oben hatte ich es bereits angeteasert und auch hier gehe nochmal fix darauf ein: wie kann sich Emmi nur so behandeln lassen? Das Ganze hatte etwas toxisches an sich, und mir missfällt auch heute noch der Gedanke, dass dies jüngere Leser ernst nehmen und sich daran orientieren. Jungs, Mädels! Niemand hat das Recht so auf euren Gefühlen herumzutrampeln, egal wie toll ihr ihn/sie auch findet. Entwickelt ein gesundes Selbstwertgefühl und erkennt, wenn euch jemand mehr schadet aber guttut. Noch ein paar Worte zum Ende. Es wäre sicher hilfreich gewesen, vorher zu erwähnen, dass es, entgegen meiner Erwartung, kein Einzelband ist. Ich wartete und wartete, spürte die ersten Zweifel in mir aufsteigen, dass die Auflösung überhaupt noch irgendwann kommt. Und damit behielt ich recht. Ich fieberte also quasi völlig umsonst dem Ende entgegen, denn es endet einfach mittendrin und von Erklärungen und spannenden Wendungen keine Spur. Ich gebe zu, eine gewisse Enttäuschung hab ich definitiv verspürt. Ich tu mir unheimlich schwer, hier ein entgültiges Urteil zu fällen; weil eigentlich konnte mich die Geschichte schon irgendwie catchen und ich hatte trotz allen Widrigkeiten nie das Bedürfnis, das Ganze abzubrechen. Ich las größtenteils gern, verspürte die ganze Bandbreite an Emotionen und gerade die Sache mit dem Schicksalschlag war toll ausgearbeitet. Vielleicht auch, weil ich charakterlich genug gefestigt bin? Aber die Wendung, die das alles nimmt, empfinde ich als sehr schwierig. Die ganze Liebesgeschichte war .. unglücklich umgesetzt. FAZIT: „For that moment“ von Nena Muck hatte so immens viel Potential und barg einige sehr wichtige, tiefschürfende Thematiken. Es regt immer wieder zum Nachdenken an, lässt einen mitfühlen und mitleiden und begeistert durch sehr sympathische Nebenfiguren. Doch die Liebesgeschichte schwächelt immens. Toxisch, als das würde ich sie bezeichnen und ich hoffe, dass sich jüngere Leser nicht daran orientieren, sondern ihren eigenen Wert kennen. Nichts desto trotz fühlte ich mich unterhalten, wenn auch hin und wieder sehr genervt von den Protagonisten. Letztlich war es aber dann das Ende, das die größte Enttäuschung in mir hervor rief – es gibt nämlich keins. Es endet mitten drin und wir müssen uns bis zum Erscheinen von Band 2 gedulden. Ich denke, ich gebe dem Ganzen auf jeden Fall noch einmal eine Chance.

zurück nach oben