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Antonie

Posted on 8.10.2020

Ich hätte wohl eine geraume Zeit lang nicht zu diesem Buch gegriffen, wenn es mir der Herzensmann vor ein paar Tagen nicht entschlossen in die Hand gedrückt und gesagt hätte "Lies es endlich!". Nach einem etwas dickeren Jugendbuch jammerte ich ein wenig vor mich hin, dass nun anscheinend eine Leseflaute über mich kommen würde - ich wusste nicht was ich als nächstes lesen sollte und keines unserer Bücher sprach mich so richtig an.  Und aus Mangel an Widerstand und eigenem Antrieb, etwas anderes zum Schmökern zu finden, tat ich genau das, was er mir sagte ... ich versank in der grausamen, kalten und nüchternen Welt von Iwan Denissowitsch und sah ihm bei seiner Arbeit im sowjetischen Straflager über die Schulter.  Alexander Solschenizyn schafft es auf den nur wenigen Seiten, eine komplette Szenerie zu erschaffen, von der man das Gefühl am Ende hat, sie niemals richtig verlassen zu können.  Der Schreibstil ist sehr einfach, schlicht und orientiert sich an der Gedanken - und Gefühlswelt unseres Hauptprotagonisten Iwan. Gerade bei einer solch bedrückenden Thematik empfinde ich es als angenehm und richtig, wenn sich der Stil ein wenig zurücknimmt, dem Geschriebenen Raum lässt und so dem Leser die Möglichkeit gibt, die Atmosphäre unverfälscht in sich aufzunehmen.  Interessant fand ich hierbei den Aufbau der Geschichte. Wir verfolgen Iwan bzw. Schuchow einen Tag im Lager bei seiner Arbeit, was ich zuerst als ungewöhnlich empfand, denn was sollte man alles über einen einzigen Tag zu berichten haben? Dennoch fällt man sofort in die Handlung hinein und bleibt durch Iwans Gedankensprünge nicht nur im Hier und Jetzt, sondern erfährt auch einiges über sein Leben vor dem Straflager, wie es dazu kam dass er nun dort seine Zeit abarbeiten muss und die unausgesprochenen Regeln, die in diesem Lager vorherrschen. Vorwissen über die damalige Sowjetunion muss man dabei nicht besitzen, was meine größte Sorge war, denn vorweg ( zumindest bei meiner Ausgabe ) gibt es eine Einführung in die Geschichte, Anmerkungen zum Text, welche die etwas ungewöhnlicheren Begriffe in dem Buch erklären und ein Vorwort, welches aufzeigt, warum "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" ein wichtiges Werk war und immer noch ist.  Am meisten hat mich wohl bedrückt, dass zwischen den Zeilen immer wieder angedeutet wird, dass für die Gefangenen, und auch Iwan, dieses Lager keine Zwischenstation darstellt.  Denn selbst wenn die abgearbeitete Zeit vorbei ist und die Freiheit für die Lagerinsassen winkt, so beschreibt der Autor doch recht eindringlich,dass es oft keinerlei Möglichkeit gab zu seiner Familie oder in die eigenen vier Wände zurückzukehren oder sich danach wieder ein eigenes Leben aufzubauen.  Auch Iwan ist klar, dass es für ihn keine Freiheit im klassischen Sinne mehr gibt, denn durch seine Zeit im Lager hat er ein unüberwindbares Stigmata aufgedrückt bekommen und so ist es für ihn tatsächlich "sicherer" in Gefangenschaft zu leben und zu sterben, als ein Leben im Elend als "freier" Mensch in der stalinistischen Gesellschaft zu führen.  Sehr viel mehr über die Handlung will ich gar nicht erzählen, denn sonst wird das hier eine endlose Rezension und ihr sollt euch, wenn euch meine Vorstellung gefallen hat, lieber ohne zu viel Vorwissen in die Geschichte fallen lassen, denn nur so kann sie richtig wirken und ihre Atmosphäre entfalten. Interessant ist vielleicht noch zu wissen, dass der Autor selbst im 2. Weltkrieg acht Jahre lang in einem solchen Lager zugebracht hat, was das ganze Werk autobiografisch wirken lässt und mir im Nachhinein eine Welle des Unbehagens über den Rücken jagen ließ, denn so bekommt die ganze Geschichte einen ganz anderen, menschlicheren Anklang als ohnehin bereits.  Mein Fazit: Ein Werk das unter die Haut geht und den Kopf so schnell nicht mehr verlässt - auf eine ganz nüchterne, aber eindringliche Art und Weiseschreibt sich Alexander Solschenizyn in das Herz des Lesers und hinterlässt bleibende Spuren nach der Lektüre.  Für mich eine machtvolle und unvergessliche Geschichte, die mich nie richtig loslassen wird ob ihrer subtilen, und nur zwischen den Zeilen hervorschimmernden, Grausamkeit Menschen anderen Menschen gegenüber.  Ich vergebe ~*5 ( von 5 ) Sterne*~

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