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ankasgeblubber

Posted on 20.9.2020

Ich tat mich beim Lesen schwerer als erwartet - nach den ersten 100 Seiten musste ich etwas ernüchtert feststellen, dass "Gelöscht" anders ist als andere Dystopien. Während es in "Legend", "Die Bestimmung", "Dark Canopy" und Co. schon von Anfang an äußerst spannend und rasant zur Sache geht, tröpfelt die Handlung in "Gelöscht" mit einem geslateten Dauergrinsen vor sich hin. Kyla ist 16 Jahre alt und wird von ihrer neuen Familie aus einem Krankenhaus, in dem sie die letzten Wochen verbracht hat, abgeholt. An die Zeit vor ihrem Krankenhausaufenthalt kann sich das Mädchen nicht mehr erinnern, denn sie wurde geslated. Mitte des 21. Jahrhunderts wird Jugendlichen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, eine zweite Chance gegeben. Sie geben ihre Erinnerungen und erhalten dafür, mithilfe einer Art "Gedächtnis-Resets", die Möglichkeit eines kompletten Neustarts. Bis zu ihrem 21. Lebensjahr werden sie von nun an überwacht und kontrolliert, sodass kriminelle Energien sofort bemerkt und ausgeschaltet werden können - klingt doch eigentlich nicht schlecht, oder? "Ich weiß nicht, was ich getan haben könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals etwas so Grauenhaftes hätte tun können. Und du auch nicht. Aber wir werden es nie erfahren. Wir können nur unser Leben leben, wie es jetzt ist: die sein, die wir jetzt sind." S. 165 Doch wie fühlt man sich, wenn man so gar nichts von seiner Vergangenheit weiß, nur, dass sie nicht gerade rosig war und man womöglich als Terrorist mehrere Menschenleben auf dem Gewissen hat (was in dieser Zeit nicht unüblich ist)? Kann man darüber hinwegsehen und sich voll und ganz auf sein neues Leben konzentrieren? Kylas Schwester Amy, die ebenfalls geslated wurde, scheint es sehr gut zu gelingen, doch Kyla ist anders. Nachts wird sie von Albträumen heimgesucht, die jedoch so intensiv und real wirken, als hätte sie all diese grausigen Szenen am eigenen Leib erfahren müssen. Sind es tatsächlich Erlebnisse aus ihrem früheren Leben? Kann sie sich als Einzige an die Zeit erinnern, bevor sie geslated wurde? Nicht nur Kyla, auch ich als Leserin tappte im Dunkeln und stellte mir ebendiese Fragen immer wieder aufs Neue. Ein unheimlich interessantes und umfangreiches Thema, das auch nach der letzten Seite des Buches, noch längst nicht ausgeschöpft ist. "Wer Kyla auch ist, es gibt noch eine andere Person, die sich in ihr versteckt. Und vor ihr fürchte ich mich am allermeisten." S. 170 Die Darstellung des Regimes und der Gesellschaft, in die Kyla hineingeboren wurde, ist der Autorin sehr gut gelungen. Es wird viel verschleiert, die Kontrolle ist allgegenwärtig und die Lorder sind mit ihren Augen und Ohren überall. Sobald sich jemand gegen die vorherrschende Politik äußert oder sie gar in Frage stellt, wird er ruhig gestellt, ausgeschaltet... er verschwindet, ganz einfach und ganz schnell. Sein Verschwinden wird bemerkt, kümmert aber niemanden... es darf niemanden kümmern. Ganz langsam und ruhig führt die Autorin ihre Heldin und ihre Leser an diese Problematik heran. Während sich die Protagonisten in anderen Dystopien bereits im ersten Drittel der Geschichte den Rebellen anschließen, braucht Kyla Zeit um zu begreifen. Ihre Entwicklung geht sehr langsam vonstatten, wirkte auf mich aber umso authentischer. Leider ist es mir auf den 430 Seiten nicht gelungen, eine Verbindung zu Kyla oder den anderen Charakteren wie dem Slater Ben, Kylas Schwester Amy oder ihren Freunden aufzubauen. Einzig und allein Kylas undurchsichtige Mutter weckte in mir die Neugierde und entlockte mir ein "Ich-fühle-mich-dir-in-gewisser-Weise-verbunden-und-möchte-dich-besser-kennen-lernen"-Gefühl. Insgesamt fehlte mir die Tiefe und das Salz in der Suppe. Die Geschichte war zwar sehr interessant, aber die Spannung, die das Buch zu einem Pageturner hätte machen können, blieb für mich, ebenso wie die emotionale Bindung, leider aus. Das Ende dieses erstes Bandes wirft nun aber alle meine Gedanken und Leseerlebnisse noch einmal über den Haufen. Auf den letzten 10 Seiten hatte ich das Gefühl, einem Vulkanausbruch beizuwohnen. War das tatsächlich noch dasselbe Buch? Ich hatte schon fast abgeschaltet und das Buch abgehakt, da holte es mich mit einem Paukenschlag zurück. Fassungslos raste ich über die letzten Seiten und las sie sogar ein zweites Mal. Bitte waaas? Die Ereignisse überschlugen sich und ließen mich schließlich außer Atem und mit pochendem Herzen zurück. Auch wenn mich dieser Auftakt nicht zu 100% überzeugen konnte, so muss ich unbedingt wissen, wie es mit Kyla weiter geht.

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