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ninchenpinchen

Posted on 19.6.2020

Sie kann’s einfach – Respekt! „Worüber wir schweigen“ von Michaela Kastel Schon das Auspacken dieses Buches war eine wahre Freude: eingeschlagen in türkisfarbenes Seidenpapier … und viele schwarze Schmetterlinge flogen heraus – wow. Schon der Vorgänger hatte mir so gut gefallen („So dunkel der Wald“) und doch ist dieses Buch wieder ganz, ganz anders und trotzdem genauso spannend und brillant geschrieben. Nina, die Hauptprotagonistin, besucht nach längerer Abstinenz wieder ihr Heimatdorf. Sie hat etwa zwölf Jahre nichts von sich hören lassen, auch zu ihrer damals besten Freundin Melanie hatte sie jeden Kontakt abgebrochen. Man kann nur erahnen, dass früher jede Menge Ungutes passiert ist, denn es gab einen Todesfall und einen Selbstmordversuch. Nina kommt zurück, um endlich Licht ins Dunkel zu bringen und um schlussendlich zu erfahren, was damals wirklich passiert ist. Die Vorgänge erhellen sich nur ganz langsam. Nina erzählt und beginnt im Oktober 2019. Dann folgt die Sicht von Tobias aus dem Herbst 2006, er ist einer der beiden Söhne der direkten Nachbarn, etwas jünger als Nina und sehr beeindruckt von ihr. Der dritte Erzähler ist Gregor, Ninas Vater. Er beginnt mit seiner Geschichte im September 1992. Mit der Zeit verdichtet sich das Bild – mehr und mehr. Und man erfährt viel über zwei Hauptfiguren, die hier nicht selbst zu Wort kommen: Das sind Melanie und Dominik, Tobias‘ Bruder. „Domi“ ist der gutaussehende Schwarm aller Mädchen der Schule und Tobias steht ständig im Schatten seines großen Bruders. Dabei hat auch Tobias viel zu bieten, was aber neben Dominik nie wirklich auffällt. Wir haben es hier also mit zwei strahlenden Persönlichkeiten zu tun, die nicht nur beide atemberaubend gut aussehen, sondern auch genau wissen, wie man sich erfolgreich in Szene setzt: Nina & Dominik. „Ich kann ihr direkt in den Ausschnitt glotzen. Sie trägt eines dieser engen Sporttops, die die ganze Masse unnatürlich nach oben pressen. Ich kann nicht wegschauen. Es ist einfach zu viel da. Ich schlucke, und sie beginnt zu grinsen. Sie hat blaue Augen. […] Sie steht auf und wirft sich ihren langen blonden Pferdeschwanz über die Schulter, der ihr beim Hinknien nach vorn gerutscht ist.“ (Tobias über Nina, Seite 22) Nina über Dominik, Seite 157 „Es gibt zwei Sorten von Männern: diejenigen, die es kapieren, und diejenigen, die es nicht kapieren. Dominik kapiert es.“ Tobias über seinen Bruder, Seite 65: „Domi ist das genaue Gegenteil. Er findet schnell neue Freunde. Das dürfte auch der Grund sein, warum er sich nach einer Woche an der neuen Schule bereits aufführt, als gehöre ihm der Laden. […] Es ist nicht fair. Als hätte das Schicksal mal schnell den kompletten >Coole Eigenschaften<-Sack über seinem Kopf ausgeschüttet, während ich lediglich eine Mini-mini-mini-Prise davon abbekommen habe.“ Die Charaktere sind perfekt ausgeleuchtet, die Zeitebenen sind stimmig, das Ganze ist brillant geschrieben. Und es wird nur immer genauso viel preisgegeben, dass frau mit Spannung am Ball bleibt. Ein Zitat noch zum Schluss, Seite 308, hier spricht Gregor: „Die Wurzel allen Übels fußt wohl in der Furcht davor, jemandem Liebe zu geben und sie vielleicht nicht zurückzubekommen.“ Fazit: Den Viktor Crime Award hat die Autorin mehr als verdient und genauso alle fünf Sterne.

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