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Caro

Posted on 17.6.2020

„Aus mir wäre ohnehin nicht viel geworden, jetzt habe ich statistisch gesehen eine Chance, dass wenigstens ein Teil von mir irgendwo in der Welt große Bedeutung erlangt. Ich wäre lieber teilweise bedeutend als vollkommen nutzlos.“ Die Zukunft: Nach einem verheerenden Krieg ist es auf der ganzen Welt üblich, dass Jugendliche zwischen 13 und 18 umgewandelt werden. Sie werden sozusagen rückwirkend abgetrieben. Eine Abtreibung ist verboten. Die Umwandlung ist aber in Ordnung, denn die Jugendlichen existieren weiter: Im sogenannten geteilten Zustand. Ihr Körper wird vollständig zur Organspende freigegeben. Die Jugendlichen: Der sechzehnjährige Connor hat entdeckt, dass seine Eltern ihn umwandeln lassen wollen. Seitdem kann er nur noch an eins denken: Flucht. Denn sie sagen zwar, dass man weiterlebt, aber nur die Körperteile bleiben erhalten. Was ist mit seinem Bewusstsein? Da Connor nicht sterben will, flieht er vor seiner Umwandlung und damit in ein völlig neues Leben. Risa ist in einem Waisenhaus groß geworden und soll nun dem Staat nicht länger auf der Tasche liegen. Budgetkürzungen bedeuten für sie und einige andere Kinder: Umwandlung. Sie sieht keinen Ausweg, doch dann begegnet sie Connor und auf einmal gibt es eine neue Möglichkeit: Leben. Lev weiß schon sein ganzes Leben, dass er umgewandelt werden wird. Er ist ein sogenanntes Zehntopfer und soll mit 13 Jahren in den geteilten Zustand wechseln und Gott somit näher sein. Er ist darauf vorbereitet, er ist bereit. Doch dann passiert auf seinem Opferweg etwas Unvorhergesehenes und aus seinem eigentlich letzten Weg wird ein Weg in eine neue Zukunft. Meine Meinung: Von Neal Shusterman bin ich es ja gewöhnt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Bereits mit seiner Scythe-Dystopie konnte er mich restlos überzeugen. Die erdachte Zukunft aus Vollendet ist sogar noch ungaublicher, verrückter und dabei gleichzeitig realer. Ich weiß nicht, wie dieser Autor es schafft, aber seine Zukunftswelten sind so durchdacht, so logisch, so plausibel, dass es mir teilweise eiskalt den Rücken runterläuft und ich Angst vor unserer Zukunft kriege. Denn der Ursprung des Übels, in diesem Fall die Umwandlung, sind menschliche Handlungen, die erschreckender und realistischer nicht sein könnten. Neal Shusterman übt in seinem Roman eine starke Gesellschaftskritik, die so nicht von der Hand zu weisen ist. Menschen, die schlechte Entscheidungen mit guten Absichten getroffen haben und zu feige sind sie rückgängig zu machen. Menschen, die blind der Werbung in den Medien vertrauen und sich sogar dazu verleiten lassen, ihr eigenes Kind zu opfern. Religionen, die ihre Schriften einfach den gesellschaftlichen Begebenheiten entsprechen auslegen. Es ist furchtbar, angsteinflößend und absolut genial! Das erwartet euch, wenn ihr Vollendet lest. Man muss sich drauf einlassen, aber es lohnt sich wirklich. Ich konnte mich zwischendrin nicht entscheiden, ob ich das Buch lieber weglegen sollte, weil ich einfach nicht mehr konnte oder es unbedingt weiterlesen wollte. Wenn ich mich für das Weglegen entschieden hatte, spukte mir die Geschichte so lange im Kopf herum, bis ich wieder zum Buch gegriffen habe. Das macht für mich ein gutes Buch aus. Neal Shusterman setzt Perspektivwechsel ganz bewusst ein, sodass man viele Ereignisse aus verschiedenen Sichtweisen erzählt bekommt und dadurch gleichzeitig gut und böse verschwimmt. Außerdem weiß man als Leser oft mehr als die Protagonisten, was es aber auf keinen Fall langweilig werden lässt. Im Gegenteil: Ich habe nur noch mehr mitgefiebert. Der absolute Geniestreich in der Erzählung: Man erlebt eine Umwandlung live mit. Und das aus der Perspektive des Jugendlichen, der gerade umgewandelt wird. Diese Szene ist bezeichnend für den Schreibstil des Autors, ist bezeichnend für die Stimmung des gesamten Buches. Mir bleibt nur eins zu sagen: Lest es!

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