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bella5

Posted on 10.2.2020

Über die Autorin: Louise Erdrich, wohnhaft in Minnesota, wurde 1954 als Tochter einer Ojibwe und eines Deutsch-Amerikaners geboren. Sie ist eine der erfolgreichsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen, und ihr Werk findet auch bei Literaturkritikern großen Anklang. „Das Haus des Windes“ von Louise Erdrich ist ein richtig guter Roman. Für mich war klar, dass ich „Der Gott am Ende der Straße“ auch lesen will. „Der Gott am Ende der Straße“ (nicht zu verwechseln mit dem „Gott der kleinen Dinge“ von Roi) ist formal in drei Teile gegliedert. Mit diesem Roman wagt die Autorin einen Genrewechsel, denn es handelt sich um eine Dystopie. Wie in jeder Dystopie ist nichts mehr, wie es einmal war, und es gibt gesellschaftskritische Passagen. Die Evolution läuft rückwärts, und inmitten dieser primitiven Welt(ordnung) befindet sich die junge Cedar, die sehr gefährlich lebt, seit sie schwanger ist, denn die Regierung macht quasi Jagd auf gebärfähige Frauen. Cedar will sich jedoch nicht zum Opfer eine Theokratie machen lassen und kommuniziert in Form von Briefen mit ihrem ungeborenen Kind. Erdrich arbeitet mit dem Verfremdungseffekt, trotzdem sind viele Themen nicht antiquiert; vielmehr wirkt Manches recht aktuell und „zeitgeistig“, für mich als Europäerin auch sehr amerikanisch. Die Figur Cedar ließ mich natürlich gleich an „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood denken. Mittlerweile gibt es auch eine Serienadaption, auch wenn man die literarische Vorlage nicht gelesen hat, kommt man kaum an diesem popkulturellen Phänomen vorbei, Erdrichs Ansatz ist insofern nicht besonders innovativ, aber sie peppt das Ganze mit eigenen Elementen auf, sie kann z.B. ihre indianische Herkunft literarisch verarbeiten, die Protagonistin Cedar macht sich dann auch auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern: „Wenn ich erzähle, dass mein weißer Name Cedar Hawk Songmaker lautet und ich das Adoptivkind eines liberalen Pärchens aus Minneapolis bin und dass ich, als ich auf der Suche nach meinen biologischen Ojibwe-Eltern meinen Geburtsnamen Mary Potts erfuhr, dieses Wissen für mich behielt, vielleicht kannst du mich dann verstehen. Oder auch nicht. Berichten will ich davon in jedem Fall, weil sich seit letzter Woche alles verändert. Wie es aussieht – keiner weiß es genau –, läuft die Weltgeschichte gerade rückwärts. Oder vorwärts. Oder seitwärts, auf schwer begreifliche Weise.“ Ich hätte mir allerdings eine präzisere Ausarbeitung der dystopischen Welt gewünscht, für mein Empfinden hat die Autorin versucht, zu Vieles in diesem Roman zu verarbeiten, dabei kann Manches nur gestreift werden: Religion (die Protagonistin ist katholisch, wobei ich es interessant finde, dass ihr diese Wahl, anders als ihren Vorfahren, nicht aufgezwungen wurde, vielmehr ist ihre Konversion etwas, dass sie tut, um sich von ihrer nicht-gläubigen Adoptivmutter zu distanzieren), Spiritualität, Fortschrittsglaube/unglaube und Zukunftsangst, Geschlechterkampf und die ungleiche Verteilung von Macht. Die Szenen, das Schicksal der Native Americans betreffen, gefielen mir gut, auch die Figuren mochte ich, ich hatte mir jedoch von der Handlung ein wenig mehr versprochen und auch das Ende hat mich nicht ganz überzeugt. Sprachlich hebt sich der Roman aber angenehm von anderen Dystopien ab, und ich fand es erfrischend, dass kein Teenager im Fokus steht. Fazit: Louise Erdrich konnte meine Erwartungen leider nicht ganz erfüllen, daher vergebe ich für die Dystopie dreieinhalb von insgesamt fünf möglichen Sternen!

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