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wandanoir

Posted on 19.9.2020

Der Debütroman von Oliva Wenzel hat mich aufgeregt und gereizt. Das heißt, die Autorin hat schon einmal etwas richtig gemacht. Oder? Die Handlung wird in Häppchen verabreicht, wenn man denn überhaupt von Handlung sprechen kann. Man hat den Eindruck, die Protagonistin, ein schwarzer weiblicher Twin, dessen männlicher Part mit 19 Suizid beging, sitze im Flieger nach New York und fülle einen Fragenbogen der amerikanischen Regierung aus. Da werden Eckdaten angeboten, aber auch so viel mehr. Zusätzlich hält die Protagonistin, deren Namen man nicht erfährt, innere Monologe oder sie führt ein fingiertes Zweigespräch mit Kim, also mit ihrer vietnamesisch-stämmigen Lebensgefährtin. Es werden Fragen nach der doppelten Staatsbürgerschaft verhandelt, es wird überhaupt viel über Diskriminierung im Alltag geredet. Wie es ist, als einzige schwarze Person unter vielen weißen Menschen zu sein. Aber auch nostalgische Kindheitserinnerungen an Kaugummiautomaten werden assoziert. In New York fühlt sich die Protagonistin freier. Mehr unter ihresgleichen. Mehr von derselben Farbe. Das ist heimelig. Oh, oh, das Buch regt mich auf. Die Familienverhältnisse der Protagonistin sind auch sonst, hm, anders. Ihre Mutter lebte in der DDR. Ungern. Wollte immer weg. Konnte nicht, weil die Kinder sie festhielten. Der Vater, ein Angolaner, wurde ausgewiesen. Wurde wohlhabend. Ermöglichte der Protagonistin nach der Wende das Reisen. Einen Teil des Romans verbringt man in Vietnam. Die Selbstgespräche werden meist mit der Frage eingeleitet WO BIST DU? WAS FÜHLST DU? In Großbuchstaben. Und gehen mir allmählich on nervs. Die ganzen Parts mit Großbuchstaben finde ich ärgerlich, störend. Kommentar: Der Roman liest sich trotz seines Schnippselaufbaus, seiner leicht experimentellen Art, leicht. Irritiert aber mit vielen Wiederholungen. Diskriminierung is everywhere. Einfach alles wird als Diskriminierung ausgelegt, selbst der Kosename „Schokokrümel“ durch die Großmutter. Dass mehr weiße als farbige Menschen in Filmen und Theaterstücken auftreten. (Ja, wo sind wir? Europa. Not Africa. Not Asia). In den USA wäre die Klage richtig. Was ich schmerzlich vermisse, sind Zahlen. Zu viel Gefühl. Viel zu viel Gefühl. Andererseits gibt der Roman Empathiehilfe und da und dort lernt man auch etwas: „Heute ist John Henryism ein Syndrom, das Menschen befallen kann, die wiederholt seelischem und körperlichem Stress durch Diskriminierung wie Rassismus ausgesetzt sind.“ Ein wenig mehr Einfühlungsvermögen täte uns schon gut. Fazit: Ein Roman über Rassismus muss höllisch aufpassen, dass er nicht in die Fahrrinne der Wehleidigkeit gerät. Olivia Wenzel schrappt haarscharf daran vorbei. Ein experimenteller Roman muss aufpassen, dass er nicht übertreibt und deshalb eher erbost als begeistert. Dieser Gefahr ist die Autorin nicht immer entronnen. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 Kategorie: Anspruchsvoller Roman Verlag: S. Fischer, 2020

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