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Babscha

Posted on 29.2.2020

Rudolf "Rudik" Nurejew, der Balletttänzer, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Welt mit seiner Kunst entzückte. Dies ist die Geschichte seines Lebens. Die Geschichte eines tatarischen Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der schon sehr früh sehr genau wusste, was er wollte. Nämlich tanzen, und das um jeden Preis. Der das Glück hatte, auf Menschen zu treffen, die ihn förderten und bald schon in einer Leningrader Ballettschule Fuß fassen ließen. Der sich dann 1961 mit gerade Anfang zwanzig bei einem Gastspiel in den Westen absetzte und dort zum Superstar aufstieg. Dessen Stern nach einem wilden, hemmungslosen Leben in den Achtzigern langsam sank und der 1993 von Aids gezeichnet früh verstarb. Mit viel Feingefühl und in seiner ganzen unnachahmlichen sprachlichen Virtuosität zeichnet der Autor in seinem Buch die hochkomplexe und vielschichtige Charakterstudie einer zwiegespaltenen Persönlichkeit, eines Mannes, der mit stark egozentrischer Prägung schlichtweg alles für seinen Lebensinhalt, den Tanz gibt und diesem menschliche Schicksale um ihn herum bedingungslos bis desinteressiert unterordnet. Der sich selbst in den absoluten Mittelpunkt stellt und exzessiv vor allem seinen Trieben frönt. Hierbei nimmt McCann in seinen teils drastischen Schilderungen wahrlich kein Blatt vor den Mund. Parallel dazu scheint aber immer wieder auch das Bild einer depressiven, vereinsamten Person durch, die ihr Leben lang versucht, mit sich selbst ins Reine zu kommen und dies nicht schafft. Die, wie sich dann zeigt, an den eigenen Gewissensbissen wegen der Flucht aus der Heimat, dem Zurücklassen der Familie und hier besonders der über alles geliebten Mutter, schier verzweifelt. Der Autor orientiert sich weitgehend an den historischen Fakten und lässt in immer wieder wechselnden Perspektiven viele verschiedene Menschen, die dem Protagonisten in irgendeiner Form nahe und verbunden waren, zu Wort kommen und die Geschehnisse aus ihrer jeweiligen Sicht erzählen. Hierbei ist der breite Unterbau, den er vor allem den frühen Jahren Nurejews in Familie und Ballettschule zugesteht, für das spätere richtige Verständnis seiner Person und deren fortschreitender Transformation sehr wichtig und grundlegend. Unaufdringlich, aber mit einem tiefen Verständnis für die menschliche Seele und ihre Dämonen, lässt McCann die Geschichte einfach auf den Leser wirken und enthält sich jeglicher eigener Wertung. Und das ist gut so. Gerade die leisen Töne zwischen den Zeilen sind es, die dieses Buch zu aus meiner Sicht großer Literatur machen. Man mag zu der sehr speziellen und nicht immer sympathischen Persönlichkeit Nurejews stehen wie man will, sie ist in diesem Werk sehr fein, akzentuiert und damit nachvollziehbar heraus gearbeitet. Ein überzeugendes, hervorragend recherchiertes Buch, das den Leser in keinem Fall emotional unberührt lässt.

Bild von Der Tänzer

Der Tänzer

von Colum McCann
Paperback
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