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buchgespenst

Posted on 15.2.2020

Die gekränkte Marquise de Merteuil und der gewissenlose Vicomte de Valmont schmieden einen grausamen Racheplan. Die fünfzehnjährige, naive Cecile Volanges soll noch vor ihrer Hochzeit verdorben werden. Die Unwissenheit des Kindes, die Härte der Mutter und die Abgelegenheit eines Landguts begünstigen die Intrigen, doch langsam entgleitet den beiden Verbündeten die Kontrolle. Ein Briefroman, der eindrucksvoll die Zeit des Ancien Régime zeichnet. Ein verlorener Adel ohne Macht und Beschäftigung, der sich nur noch um Vergnügungen und kleinliche Kränkungen kümmert. Eine erstarrte Gesellschaft, die an sich selbst zerbricht. Selten hat mich ein Buch so in seinen Bann geschlagen. Die Übersetzung von Wolfgang Tschöke fesselte mich mit seiner atemberaubenden Schönheit. Ich verlor mich in jeder einzelnen Zeile, folgte den eleganten Wendungen, dem magischen Totentanz und lebte mit den Charakteren. Die Briefe zwischen der Marquise und dem Vicomte bestechen anfangs mit einer amüsanten, pikanten Ehrlichkeit, die im Laufe des Buches immer weiter demontiert wird. Sie bieten einen Blick hinter die Kulissen der Verlogenheit, Prüderie und Erstarrtheit der gehobenen Gesellschaft des Ancien Régime, die sich überlebt hat. Mit Cecile taucht man in die Unbedarftheit, Naivität und die bis zur Selbstentfremdung versiegelte Unschuldswelt der jungen Mädchen ein, die von den nicht kommunizierten Regeln und sinnentleerten, gesellschaftlichen Werten hoffnungslos überfordert sind. Danceny, der bis zur Lächerlichkeit schwärmerische, ideale Verliebte, dessen Absichten so rein sind, dass er wie eine Papierpuppe wirkt und gerade deshalb ein willfähriges Werkzeug íst. Als Gegenpart stehen die drei Damen der Gesellschaft, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ceciles Mutter als Vertreterin der idealen, tugendhaften Ehefrau, die gnadenlos an den Tabus scheitert, die sie ihrer Tochter nicht vermitteln kann ohne sie zu brechen. Die Präsidentin de Tourvel, die ideale Ehefrau, die zwischen Gefühl und Etikette balanciert. Schließlich Madame de Rosemond, die älteste Figur, die alles erlebt und überlebt hat, aber jetzt verdammt ist, ohnmächtig der splitternden Zeit zuzuschauen. Der Schluss enttäuschte etwas. Er wirkt gewollt, bricht mit dem bis dahin so eleganten, komplexen Tanz auf zersplitternden Werten. Vielleicht aber auch eine ironische Verneigung vor ihnen, um ihr Sterben zu verdeutlichen. Ein gewagter Roman des 18. Jahrhunderts, der kein Blatt vor den Mund nimmt und dabei niveauvoll bleibt. Briefe, die scheinbar voller Authentizität die gesamte Gesellschaft ad absurdum führen. Ein Totentanz von dem ich mich nur schwer gelöst habe und der noch lange zum Nachdenken und Interpretieren anregt. Mich hat das Buch überwältigt. Ein einmalig schöner Klassiker, zu dem ich wieder greifen werde. Eine klare Leseempfehlung!

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