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Das Leben des Chevalier d'Éon ruft geradezu danach, literarisch bearbeitet zu werden und es ist erstaunlich, dass dies nicht in breiter Manier geschieht. Daher ist Irene Dische sehr zu danken, diesen großartigen Stoff entdeckt zu haben. D'Éon wechselte als öffentliche Person immer wieder zwischen einer Rolle als Mann und Frau - sei es aus opportunistischen Gründen oder weil sein Auftrag als Agent der französischen Krone es erforderte. Diese Unklarheit über sein »wahres Geschlecht« ist eine tragende Säule des Romans und Geschick, diese Frage auch unklar zu lassen, gehört zu den bewundernswerten Aspekten in Disches Ausgestaltung ihrer Figur.

Irene Dische legt den Roman als Autobiographie an, die noch dazu mit dem Abstand von Jahrhunderten geschrieben wird. Das ermöglicht dem lyrischen Ich, immer wieder aus der Erzählung auszusteigen und die heutigen Leser:innen direkt anzusprechen. Das geschieht immer wieder, besonders genn, wenn in moralischen Fragen die Überlegenheit des 21. Jahrhunderts gegenüber dem 18. Jahrhundert bestritten wird (was, zumindest in den höheren Kreisen, in denen die Romanhandlung nahezu ausschließlich spielt, auch durchaus plausibel ist).
Und es ist natürlich auch eine simple Lösung für einige störende Anachronismen (der historische d'Éon hätte beispielsweise wohl niemandes Kleidung und Putz mit einem Weihnachtsbaum verglichen).

Die herrliche Arroganz, die immer dann großartig ist, wenn sie mit Esprit verbunden wird, mit der die Autorin ihren Helden Zeitgenossen und Lesepublikum beurteilen lässt, ist ein echtes Vergnügen und ich bin gerne den vielfältigen Abenteuern des Chevaliers gefolgt. Wagemutige Aktionen, gefolgt von Rückschlägen und immer wieder neuem Lavieren und Ausspielen gegenläufiger Interessen, während er sich selbst für allen überlegen wähnt - verbunden mit einer scharfen Zunge, die vor gewitzten Beleidigungen nicht zurückschreckt: Da ist Irene Dische eine wirklich grandiose Figur gelungen. Nicht unbedingt sympathisch, aber durchaus einnehmend. Seine nur allzu menschliche Vernarrtheit lässt ihn immer wieder offenkundig nicht sehr wohlmeinende »Freunde« besser behandeln als wahre Unterstützer - aber auch dies ist ja gerne eine Kehrseite eigenen Überlegenheitsgefühls.

Die verlagsseitig versprochene »Neuverhandlung des brandaktuellen Themas der Identität« sehe ich hier nicht und hier tut das Marketing dem Buch keinen Gefallen. Denn Dische verhandelt hier nichts, bestenfalls hält sie uns einen Spiegel vor. Einen Spiegel, in dem wir erkennen können, dass wir sooo viel toller als frühere Menschen nun auch wieder nicht sind, wie wir gerne tun. Auf jeden Fall aber gibt es hier einen sprachlich genussvoll zu genießenden, abenteuerlichen historischen Roman zu entdecken.

Und wie bei jedem guten historischen Roman gilt auch hier das Tucholsky-Zitat »Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.«
Die militante Madonna
Die militante Madonna
Irene Dische
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